John Cheever | DIE GESCHICHTE DER WAPSHOTS

USA 1957 | 384 Seiten
OT: »The Wapshot Chronicle«
DuMont Verlag
ISBN: 987-3-8321-8007-2

St. Botolphs war schon alt, ein altes Städtchen am Fluss. Zur Blütezeit der Segelschifffahrt von Massachusetts war es einmal ein wichtiger Binnenhafen gewesen, doch jetzt waren nur noch eine Tafelsilberfabrik und ein paar andere kleine Betriebe übrig geblieben. (Seite 7)

INHALT: Erzählt wird die Geschichte der Familie Wapshot im Neuengland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vater Leander und Mutter Sarah können auf einen weit verzweigten Stammbaum zurückblicken und führen diesen mit ihren Söhnen Moses und Coverly fort. Als Moses unehrenhaft ihrem verschlafenen Nest St. Botolphs verwiesen wird (er soll sich die Hörner abstoßen und zum Manne reifen), begleitet ihn Coverly und die beiden versuchen ihr Glück in Großstädten wie Washington und New York City. Aber so richtig will das mit dem Glück nicht klappen und auch Leander und Sarah wissen nicht so recht, wohin mit sich. Der Zerfall der Familie nimmt seinen Lauf.

FORM: DIE GESCHICHTE DER WAPSHOTS ist ein Entwicklungs- und Familienroman der leicht und humorvoll beginnt, mit jedem Kapitel aber immer komplexer und tragischer wird – wie das im Leben halt so ist. Das erinnert an ähnliche Schicksalsgeschichten wie die REISE ANS ENDE DER NACHT von Louis-Ferdinand Céline, auf den zu Beginn auch Bezug genommen wird.
Obwohl die Religion in diesem Roman eigentlich keine vordergründige Rolle spielt, lassen sich viele Querverweise zur Bibel finden, wie etwa die Wapshot’sche Ahnentafel in Kapitel 2 (Ezekiel zeugte David, David zeugte Stephen, Stephen zeugte Nestor) oder, etwas versteckter, dass Moses als ungeratener Sohn den 21:18-Uhr-Zug nehmen muss (Kapitel 12).
Ergänzt wird die vorliegende Ausgabe durch ein Nachwort von Rick Moody aus dem Jahre 2002, in dem der geneigte Leser noch zusätzliche Informationen zu Cheevers Leben und Werk und dem Stellenwert der Wapshots in der amerikanischen Literatur erhält.

FAZIT: Auch wenn ich mit dem humoristischen Stil des ersten Teils (Kapitel 1 bis 13), der mir trotz Neuübersetzung etwas angestaubt und altbacken vorkam, nicht so recht warm wurde, gefiel mir der Roman sehr gut. Die Geschichte nimmt ab da an Fahrt auf und die Figuren, allen voran Moses und Coverly, gewinnen an Tiefe. Und schließlich, nach dem herzergreifenden Ende, mit einem lachenden und einem weinenden Auge (ein Gefühl, das ich sehr mag), vergebe ich feierlich fünf Sterne! Mit Sicherheit nicht mein letzter Cheever…

»[…] Einmal wöchentlich die Haare schneiden lassen. Nach sechs Uhr abends dunkle Kleidung tragen. Wenn vorhanden, frischen Fisch zum Frühstück essen. Nicht in ungeheizten Steinkirchen niederknien. Feuchtigkeit in Kirchen sorgt für vorzeitiges Ergrauen. Furcht schmeckt wie ein rostiges Messer, lasst sie nicht in euer Haus. Mut schmeckt nach Blut. Haltet euch gerade. Bewundert die Welt. Genießt die Liebe einer sanftmütigen Frau. Vertraut auf Gott.« (Seite 378)

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