John Fante | DER WEG NACH LOS ANGELES

USA 1936/1984 | 252 Seiten
OT: »The Road to Los Angeles«
aus dem Amerikanischen und
mit einem Nachwort von Alex Capus
Blumenbar
ISBN: 978-3-351-05045-0

Ich hatte viele Jobs im Hafen von Los Angeles, denn meine Familie war arm und mein Vater tot. (Seite 5)

IHNALT: Arturo Bandini lebt mit seiner Mutter und seiner Schwester in Wilmington, einem heruntergekommenen Vorort von Los Angeles. Nach unzähligen Jobs, die er immer wegen seiner Arroganz und Cholerik verliert, keimt in ihm der Gedanke auf, Schriftsteller zu werden. Aus seiner Sicht hat er alles, was man dafür braucht: Intellekt, Bildung, Durchhaltevermögen – aber ohne Geld geht’s eben nicht. Er nimmt einen üblen Job in einer Fischkonservenfabrik an, der ihn für ein paar Cent die Stunde an die Grenzen seiner Kräfte bringt, aber er gibt seinen Traum nicht auf: Er wird Schriftsteller, auch wenn die Welt um ihn herum in die Brüche geht.

FORM: Das Hauptaugenmerk des vorliegenden Romans – geschrieben in den 1930ern, veröffentlicht erst fünfzig Jahre später – liegt auf der Beschreibung und Entwicklung der Figur Arturo Bandini, der im Werk John Fantes (1909-1983) immer wieder mal auftaucht. DER WEG NACH LOS ANGELES ist quasi eine One-Man-Show. Von der ersten bis zur letzten Seite begleiten wir Arturo durch sein tristes Leben, das erfüllt ist von Welthass und Eigenliebe, Familienstreits und Wutausbrüchen. Da der Roman in der Ich-Form erzählt ist, erfahren wir Leser nur von Arturos Sicht der Dinge, merken aber schnell: Der Junge ist ein furchtbarer Unsympath. Er ist extrem hochmütig und jähzornig, er lügt und betrügt, er hasst die Frauen, kann keine Kritik vertragen und ist ein Meister der Verdrängung.

Doch das Schlimmste: Es steckt nichts dahinter! Der Junge ist ein Spinner, hat nichts auf dem Kasten! Er liest Schopenhauer und Nietzsche und bildet sich eine Menge darauf ein, versteht aber kein Wort. Er quatscht geschwollen die Leute voll, hat aber eigentlich nichts zu erzählen. Fante jedoch – und das ist die psychologische Finesse des Romans – lässt ihn ab und zu die Wahrheit spüren und beschenkt ihn mit aufrichtiger Selbstreflexion. In diesen kurzen Momenten leidet Arturo am meisten, was in neuerlichen Wutausbrüchen und Beschimpfungen mündet und meist in in der Zerstörung von Kleintieren endet – ein immer wiederkehrendes Motiv. Wie schlimm es um Arturo wirklich bestellt ist, wird im Laufe der Geschichte klar, und erst richtig deutlich, als er eine Frau verfolgt und alles küsst, was sie berührt, und kaut, was sie fallen lässt. Spätestens hier wandelt sich der Blick auf den Antihelden vom pubertären Hitzkopf zum psychopathischen Ernstfall.

FAZIT: Im Klappentext steht, dass der Leser schnell »diesen arroganten, bös-witzigen und doch so sehnsuchtsvollen jungen Mann in sein Herz« schließt – das war bei mir nicht der Fall. Selten habe ich eine Romanfigur so verabscheut, wie diesen Jungen, was aber die Bewertung des Romans nicht beeinträchtigen soll. Geschrieben ist das Buch in guter American-Classics-Manier, die ich von 1933 WAR EIN SCHLECHTES JAHR schon kannte und auch mochte. Allerdings fehlte mir hier am Schluss eine Art Erkenntnis, irgendein Hoffnungsschimmer, ein Hinweis darauf, dass Arturo irgendetwas verstanden hätte. Ergänzt ist das Buch durch ein sehr lesenswertes Nachwort des Übersetzers Alex Capus, der darin interessante Einblicke in seine Arbeit gibt. Ich vergebe vier Sterne plus Leseempfehlung für alle, die mal ein richtiges Arschloch als Haupthelden erleben wollen.


image_1_14083Ich danke dem Blumenbar-Verlag für das Rezensionsexemplar. Alle weiteren Informationen über den Roman findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

9 Gedanken zu “John Fante | DER WEG NACH LOS ANGELES

  1. […] „Bookster“, der das Buch auch schon gelesen hat, meint, daß Bandini ihm sehr unsympathisch war und ich wundere mich  fast ein bißchen, daß ich das nicht auch schreibe, denn ich bin ja gegen die Gewalt, aber auch wenn mir das mit dem Krabbentöten zu  viel ist, kann ich das hier geschilderte psychologisch nachvollzuziehen und finde,  ist es ein großartiges Buch, das in einer ziemlichen Ehrlichkeit aufzeigt, wie das Aufwachsen in einem Vorort von Los Angeles in den Neunzehndreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts so war. […]

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  2. Jetzt habe ich meine letzte „Rezensionsschuld“ von 2017 auch eingelöst und muß sagen, obwohl es am 6. Jänner noch viel zu früh davür ist, daß ich da vielleicht mein „Buch des Jahres“ gefunden habe und wahrscheinlich ist es der unverbrauchte und auch unbearbeitete Stil, der mich zu dieser Meinung kommen läßt, denn ja, eigentlich sollte mir dieser Arturo Bandini, dieses Klappermaul, Gewalttäter und Schwätzer, die ich gegen jede Gewalt bin, auch unsympathisch sein und das habe ich bei anderen Büchern, zum Beispiel einmal bei Henry James, auch so geschrieben https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/02/21/eine-dame-von-welt/.
    Ist er aber nicht! Denn ich sehe, daß das, was da vor achtzig Jahren, wahrscheinlich autobiografisch, heruntergeschrieben wurde, als Psychologin und Psychotherapeutiin in meiner täglichen Praxis erstaunlich aktuell.
    Und Hand aufs Herz, haben Sie als Jugendlicher nicht auch den Fliegen manchmal die Beine ausgerissen? Darf man nicht tun, ganz klar!
    Aber wenn Sie in einne heutige Real- oder Mittelschule gehen, werden Ihnen die Jugendlichen dort wahrscheinlich auch erzählen, daß sie von anderen, als „Fette Sau!“ oder „Ausländerhure!“ beschimpft werden und das „Schneiden“ und das „Ritzen“ gehört ja leider auch zu einer „Modekrankheit“ und natürlich soll man mit sich selber achtsam und liebevoll umgehen und sich nicht selbst verletzen! Aber, wie soll man das tun, wenn man vielleicht in einer gewalttätigen mißbrauchenden Umgebung aufgewachsen ist?
    Ich glaube auch, daß Sie dem Helden oder seinem Autor Unrecht tun, wenn Sie ihm als Nichtskönner oder Looser bezeichnen, denn ich könnte mir vorstellen, daß John Fante selber einmal mit diesen Manuskript in einem Zug gesessen ist, das dann von den Verlagen als undruckbar abgelehnt wurde, während Charles Bukowski Jahrzehnte später sagte „John Fantes Romane gehören zum Besten, was die amerikanische Lteratur je hervorgebracht hat!“
    Von dem, was ich davon gelesen habe, würde ich das, abgesehen von John Updikes „Hasenherz“ und Sylvia Plaths „Glasglocke https://literaturgefluester.wordpress.com/2014/10/26/die-glasglocke/ auch bestätigen und damit Sie mich nicht mißverstehen, ich war vor dreißig vierzig Jahren von Thomas Bernhard sehr begeistert, heute kann ich ihn, weil mir zu negativ, nicht mehr lesen, liebe Grüße aus Wien, beziehungsseise Harland bei St., Pölten!

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    • Moin! Vielen Dank für diesen ausführlichen Kommentar, aber ich muss nochmals betonen, dass mir der Roman auch sehr gut gefallen hat. Dass mir die Figur Bandini extrem unsympathisch war, schmälert nicht meine Bewertung – das hatte ich auch geschrieben. Den Sternabzug gab es eher für das Ende, das mir etwas ungelenk vorkam, wohl dem Alter des Autors geschuldet – das hatte Fante bei 1933 WAR EIN SCHLECHTES JAHR besser hinbekommen. Ansonsten bin ich ganz bei Ihnen: Ein gut beobachtetes Psychogramm, das trotz der Jahrzehnte nichts von seiner Aktualität verloren hat.
      Beste Grüße von der Ostsee! Bookster HRO

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  3. Ja, natürlich, war auch keine Kritik, sondern nur mein Verwundern, daß man diesen Arturo so einseitig interpretieren kann und damit meine ich auch, den Satz im Klappentext, daß man ihn lieben muß!
    Das natürlich nicht, sondern, ich glaube, daß es eher um die Ambivalenz, das, was man wahrscheinlich noch Pubertät nennen kann, geht.
    Natürlich drückt der Autor damit aus, daß sein Held ein armes Würstchen ist und wahrscheinlich war das sehr autobiografisch, was da geschrieben wurde und ich habe mir beim Ende beispielsweise gedacht, da sitzt er also und fährt hinein ins Leben und wird gleich sehen, wie der Literaturbetrieb in Los Angeles den allergrößten Schriftsteller empfängt.
    Und dann ist wahrscheinlich noch interessant, daß die damals alle sagten, nein das drucken wir nicht, während ich heute fast fürchte, daß die Literaturschulen und die Verlage von den jungen Nachwuchsautoren, von denen viele vielleicht ähnlich labil sind, sonst würden sie ja vielleicht nicht lesen und schreiben, verlangen, daß sie das Schlimmste, was sie erlebt haben, aufschreiben müßen, weil ja nur das die Leser interessiert und die Verkaufszahlen fördert und da habe ich in letzter Zeit einiges gelesen, was ich für bedenklich halten würde, wenn es dem Autor, so wie seinen Figuren gehen würde:
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/08/30/mein-vater-war-ein-mann-am-land-und-im-wasser-ein-walfisch/
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2014/12/29/meine-schone-schwester/
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2012/12/18/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/
    Ganz schön kann man die Ambivalenz des heranwachsenden jungen Mannes aber wahrscheinlich in der Arie des Cherabino in der „Hochzeit des Figaros“ sehen und für bedenklich halte ich auch noch, wenn sich jetzt einer oder eine vielleicht wegen des beschriebenen Unsympathischseins vom Lesen abhalten läßt, denn dann würde man viel versäumen!

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    • Zunächst dachte ich, ich könnte mit Bandini noch warm werden, doch das Gegenteil war der Fall: Er wurde mir immer unsympathischer. Aber ich denke, wenn ich eine Romanfigur für ein Arschloch halte, dann ist es mein gutes Recht, das auf meinem Blog zum Ausdruck zu bringen, auch wenn diese Figur Parallelen zum Autor aufweist. Vielleicht war Fante selbst auch ein Arschloch? Macht ja nichts, denn seine Bücher sind großartig. Sein Fürsprecher Bukowski war auch alles andere als tugendhaft und sicher kein leichter Zeitgenosse – und sein Alter Ego Hank Chinaski ein selbstgerechter Sack –, trotzdem liebe ich seine Kunst.
      Gut, aber verschrecken will ich mit meiner Rezension natürlich auch niemanden. Hier also nochmal ein nachdrücklicher Aufruf mit den besten Empfehlungen von https://literaturgefluester.wordpress.com und mir, diesen Roman zu lesen!
      Beste Grüße von der Ostsee! Bookster HRO

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  4. Waren wahrscheinlich beide unangenehme Zeitgenossen, trotzdem ist Fante da meiner Meinung nach eine ziemlich unverbrauchtes Sittenbild eines Heranwachsenden gelungen und das Tragische daran ist ja wahrscheinlich, daß er den Erfolg seines Buches nicht mitbekommen hat!
    Auf eine Stelle möchte ich noch hinweisen, nämlich auf die, wo der Onkel Arturo „Hurensohn“ nennt und der ihn dann darauf ermahnt, daß er seine Schwester nicht so beschinpfen soll! Also ist er doch nicht so unsensibel.
    Nochmals liebe Grüße, werden Sie auch „Das Buch der Zahlen“ lesen?

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