Isabelle Autissier | KLARA VERGESSEN

F 2019 | 304 Seiten
OT: »Oublier Klara«
Aus dem Französischen von Kirsten Gleinig
mare Verlag
ISBN: 978-3-86648-627-0

Es war dieser erhabene Moment. (Seite 5)

Juri ist sechundvierzig Jahre alt und lebt mittlerweile genauso lange in New York wie davor in Murmansk, der nördlichsten Großstadt Russlands, gelegen an den Ufern des Arktischen Ozeans nahe der norwegischen Grenze. Mitte der Neunziger emigrierte er, um der zunehmend schwulenfeindlichen Gesellschaft des postsowjetischen Russlands zu entfliehen, aber auch, um seinem Vater Rubin den Rücken zu kehren, der ihn nie als vollwertigen Sohn, geschweige denn als Mann anerkannte. In New York nun führt Juri ein unbeschwertes Leben als Ornithologe bis ihn eines Tages eine E-Mail erreicht: Sein Vater liege im Sterben und dessen sehnlichster Wunsch sei ein Wiedersehen.

Juri fliegt schweren Herzens aber voller Hoffnung nach Murmansk und setzt nach dreiundzwanzig Jahren erstmals wieder den Fuß auf russischen Boden. Die Begegnung mit seinem Vater, der an Leberkrebs im Endstadium leidet, ist aber nicht die erhoffte Versöhnung. Rubin hat eine Bitte an Juri: Er soll herausfinden, was mit Klara geschah – Rubins Mutter, Juris Großmutter –, die von Stalins Schergen wegen Spionage verhaftet und in ein Arbeitslager deportiert wurde, als Rubin noch ein Kind war. Die Spur verblasst 1954, seither gilt Klara als verschollen. Juri beginnt mit der Recherche, kommt aber auch nicht weit, und als sein Vater kurze Zeit später seiner Krankheit erliegt, packt er seine Sachen und fliegt nach New York zurück. Aber Klara vergessen ist unmöglich.


Isabelle Autissier (*1956) ist im deutschsprachigen Raum mit ihrem zweiten Roman HERZ AUF EIS durch die Decke gegangen. Die Geschichte um das junge Paar aus Paris, das während einer Weltumseglung auf einer vereisten Insel südlich von Feuerland festsitzt und seelisch und körperlich ums Überleben kämpft, war ein großer Erfolg. In KLARA VERGESSEN geht es deutlich ruhiger zu. Autissier lässt sich viel Zeit, die Lebensgeschichten der drei Hauptfiguren – Juri, Rubin und Klara – vor uns auszurollen. Bei den beiden Männern konzentriert sie sich dabei auf die Erlebnisse zur See. Sowohl der Vater als auch der Sohn gehen durch eine harte Ausbildung auf Fischereischiffen in arktischen Gewässern, immer am Rande der körperlichen Erschöpfung und unter ständiger Beobachtung durch die sowjetische Regierung.

Die Geschichte um Klara dagegen ist subtiler. Ihre Ausbildung zur Geologin verschafft ihr als Gefangene des Gulags einen Posten auf einer Polarinsel, um dort nach Uranerz zu suchen. Sie gilt nach wie vor als Landesverräterin, aber so abgeschieden und weit weg von Moskau sehen es selbst die Wachen nicht nicht so streng. Erst im letzten Drittel also erfahren wir mehr von Klara, was in meinen Augen ein Manko ist. Die Fischergeschichten von Juri und Rubin sind zwar einigermaßen spannend, halten aber nur auf, da sie mit dem Verschwinden Klaras im Grunde nichts zu tun haben. Eigentlich hat das Buch Stoff für zwei Romane: Eine Vater-Sohn-Geschichte und ein Gulag-Drama. Beides über eine dünne Rahmengeschichte zu verbinden war eine Fehlentscheidung.

Hinzu kommt ein ziemlich einfacher Schreibstil mit reichlich rhetorischen Fragen – einem Stilmittel, dem ich immer abgeneigt bin, sobald es sich in einem Text häuft – und perpektivischen Ungenauigkeiten. Ein Beispiel: Autissier hat für ihren Roman die personale Erzählsituation gewählt, die Kapitel tragen den Namen der jeweiligen Hauptperson, der sie als Erzählerin folgt. Wir lesen also in der dritten Person aus der Sicht einer bestimmten Figur und erfahren, was er oder sie denkt und fühlt. Von den Nebenfiguren erfahren wir dagegen nur, was sie tun, nicht was sie denken. Wenn ich dann auf Seite 201 lese, was der Kapitän eines Schiffes über seinen Decksjungen Rubin denkt, komme ich beim Lesen ins Stolpern. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht auch zu kleinlich, aber solche Unschärfen nerven mich.

Richtig punkten kann Autissier eigentlich nur bei den Beschreibungen der Natur. Die eisigen Wassermassen des Arktischen Ozeans, die abgelegenen Inseln nördlich des Polarkreises, und auch die Szenen in der frostigen Atmosphäre Murmansks sind intensiv und packend geschildert. Die Autorin war jahrelang erfolgreiche Seglerin mit mehreren Weltumrundungen, kennt die entlegensten Gegenden der Erde und weiß eindrucksvoll davon zu berichten. Wer weiß, vielleicht hätte ein dokumentarischer Bildband über diese unwirtliche Gegend besser gepasst? Fazit: Interessantes Setting, dünne Geschichte, sprachlich zu ungenau.


978-3-86648-627-0KLARA VERGESSEN erschien im mare-Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt Ihr zur Verlagseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

Ein Gedanke zu “Isabelle Autissier | KLARA VERGESSEN

  1. Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, nach dem wundervollen Buch „Herz auf Eis“. Aber auf Seite 90 bin ich ausgestiegen. Ich kann deine Kritik sehr gut nachvollziehen. Mich haben hingegen die Passagen über Russland und die politische Lage nicht überzeugen können – so allgemein und hölzern wie aus einem Lehrbuch verfasst. Und auch die Szenen im Ferienlager empfand ich etwas kitschig. Aber ich denke, ich werde es vielleicht irgendwann erneut zur Hand nehmen, gerade wegen der Naturbeschreibungen und die Arktis als Schauplatz. Das ist genau mein Thema. Viele Grüße

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