Florian Knöppler | KRONSNEST

D 2021 | 448 Seiten
Pendragon
ISBN: 978-3-86532-746-8

Hannes befühlte die geschwollene Wange.

(Seite 5)

Kronsnest – ein kleines Dorf in der Elbmarsch nordwestlich von Hamburg. Es sind die späten Zwanziger des letzten Jahrhunderts und die Zukunftsvisionen der Heranwachsenden sind so platt wie das Land. Hier gibt es nur ein paar Bauernhöfe, das Leben besteht von morgens bis abends aus harter Arbeit und die Jugend wird von Kindesbeinen an in den ewigen, ermüdenden Rhythmus aus Kühe melken, Schafe scheren und Getreide ernten eingespannt. Als ob das Leben hier nicht schon schwer genug wäre, als ob der Weltkrieg nicht noch allen in den Knochen steckte, fordert jetzt auch noch die Weltwirtschaftskrise ihre Opfer. Und während die Upper Class in Berlin dekadent in ihren Untergang tanzt, kämpfen die Bauern hier draußen um ihr Überleben.

In dieser Ödnis wächst Hannes auf. Sein Vater – einer der ärmeren Kleinbauern der Gegend – ist ein ernster, schweigsamer Mann, der in diesen hoffnungslosen Zeiten Zuflucht im Alkohol sucht und seinen angestauten Frust in brutalen Wutausbrüchen freilässt. Der Hof verwahrlost immer mehr, die Tiere werden krank und es liegt nun an Hannes, zu retten, was zu retten ist. Doch der Junge – gerade mal fünfzehn Jahre alt – hat auch seine eigenen Probleme. Sein bester Freund Thies schließt sich der Landvolkbewegung an, einer militanten Gruppierung, die mit Sprengstoffanschlägen gegen die Obrigkeit von sich Reden macht und dem aufkeimenden Nationalsozialismus Tür und Tor öffnet. Und dann ist da noch die lebensfrohe Mara, die Tochter des reichen Großgrundbesitzers von Heesen, in die sich Hannes unsterblich verliebt. Doch diese Liebe steht unter einem schlechten Stern: Die von Heesens sind der Landvolkbewegung ein Dorn im Auge, die Übergriffe häufen sich und Mara, die immer mehr wollte, als das, was ihr das Leben auf dem Land bieten könnte, fällt in eine unüberwindbare Traurigkeit.


KRONSNEST ist ein stiller Roman über laute Themen: Die verlorene Jugend, die doch eigentlich ein Entfalten der Persönlichkeit sein soll; die politische Lage der Landbevölkerung zwischen den Kriegen, als noch niemand weiß, dass das Schlimmste noch bevorsteht; häusliche Gewalt, Alkoholismus, Depression – all diese gewaltigen Themen verstecken sich in einer ruhigen Sprache, zwischen vielen Naturbeschreibungen und wortkargen Figuren mit der typisch norddeutschen »Wat mutt, dat mutt«-Mentalität.

Florian Knöppler (*1966) ist selbst ein Kind der Küste, lebt auf einem Bauernhof mit vielen Tieren und kennt Land und Leute gut genug, um zu wissen, wovon er schreibt. Die Geschichte knapp hundert Jahre in die Vergangenheit zu legen, in eine Zeit, in der ein Umsturz nach dem anderen folgte, in der Krankheiten wie Depression noch keine Namen hatten, gibt dem Buch ein interessantes historisches Setting, denn eher selten werden Romane in der Zeit zwischen den Weltkriegen angesiedelt. Außerdem schlägt Knöppler ganz nebenbei auch den Bogen in die heutige Zeit. Wenn man liest, wie schlecht es den Bauern vor hundert Jahren ging, denkt man automatisch auch an die Landwirte von heute, die ihre Produkte wegen Massentierhaltung und Billigfleischproduktion kaum noch loswerden. Und wie im Roman wird auch der politische Diskurs seit ein paar Jahren immer aggressiver und hat spätestens mit dem Mordfall Walter Lübcke eine moralische Grenze überschritten, die eigentlich als unüberwindbar galt.

KRONSNEST ist ein großartiger Roman – leise Töne, laute Themen, mit vielen Fingerzeigen ins Hier und Jetzt. Sehr lesenswert.


KRONSNEST erschien im Verlag Pendragon. Ich danke dem Autor für das Rezensionsexemplar. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe und ein Interview findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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