Jan Wilm | WINTERJAHRBUCH

D 2019 | 455 Seiten
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-497-2

Die Träume sind tot, es gibt nur noch gestern. (Seite 13)

Um den Nachlass des 1949 verstorbenen Fotografen Gabriel Gordon Blackshaw zu sichten, bekommt der Philologe Jan ein saftiges Stipendium vom Akademischen Austauschdienst. Für ein Jahr darf er in Los Angeles den Spuren Blackshaws folgen, der sich bis zu seinem Tod – vermutlich durch eine Lawine – der Schneefotografie verschrieben hatte. Gegenleistung des Stipendiums ist ein Buch über Blackshaw im Speziellen und Schnee im Allgemeinen. Doch in einer Stadt in der das ganze Jahr über Sommer herrscht und es vor siebzig Jahren das letzte Mal geschneit hat, kommt bei Jan keine richtige Motivation für sein Projekt auf. Stattdessen prokrastiniert er in seiner Strandhütte in Santa Monica bei Netflix, Bier und Pornos.

Schnell wird klar: Dem Mann fehlt etwas, fehlt jemand. Er hat etwas aufzuarbeiten, einen Verlust, eine Trennung. Mit jedem Monat, den er in der schneelosen Stadt über Schnee sinniert, rutscht er tiefer ab in eine lähmende Trauer, aus der ihn auch seine Zufallsliebschaften nicht retten können. Einzig Ada, für die er so etwas wie Liebe empfindet, hätte die Macht, ihm zu helfen, doch da ist das Jahr auch schon vorbei.


Es ist ein trauriges Buch, das uns Jan Wilm (*1983) hier mit seinem Debüt vorsetzt. Dabei wirkt WINTERJAHRBUCH zunächst auf bittere Art heiter, denn viele Szenen sind mit einem grundsoliden Sarkasmus durchzogen. Dass es sich bei Jans Zustand um mehr als das Fehlen von Motivation handelt, stellt sich erst im Laufe der Monate heraus. Ein glattes Kalenderjahr, von Januar bis Dezember, lässt Wilm seinen gleichnamigen Ich-Erzähler durch das hitzeflimmernde Los Angeles irren, in dem sich – trotz der Unterteilung des Buches in die Jahreszeiten – wettermäßig kaum etwas ändert. Was sich aber sehr wohl ändert, ist die Beziehung zur Stadt selbst. Die anfängliche Überforderung weicht einer tiefen Verbundenheit, und das Buch endet mit einer der schönsten Liebeserklärungen an eine Stadt, die ich je gelesen habe.

Doch von einem Happy-End ist Wilm weit entfernt; das hätte dem Buch auch nicht gut gestanden. Ich denke, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass Wilm seinen Protagonisten auf allen Ebenen scheitern lässt. Das Buch über Blackshaw zum Beispiel wird nie fertig – Jan schafft noch nicht einmal einen einzigen Satz. Was er stattdessen schafft, ist eine Geste, ein Geschenk an die Nachwelt und eine Lösung für den Umgang mit seiner eigenen Trauer. Und wie sich das alles am Ende zusammenfügt, das ist wahrhaft großartig konstruiert und geschrieben.


Ich kannte Jan Wilm bisher nur aus einem Interview mit Joshua Cohen zu dessen BUCH DER ZAHLEN. Als mir der Schöffling-Verlag kurz vor der Frankfurter Buchmesse Wilms Debütroman ans Herz legte, sagte ich mir: »Der Mann ist Literaturwissenschaftler und Cohen-Fan – der muss ja wissen wie’s geht,« und ich wurde nicht enttäuscht. Das Problem vieler Debütanten ist, dass sie zu viel wollen, ihrem Erstling zu viel aufbürden. Das ist bei Wilm nicht der Fall, er bleibt bei dicht bei seinem Protagonisten, dessen Aufgabe und der Stadt. Diese Themen beackert Wilm freilich bis ins kleinste Detail – ich weiß jetzt alles über Schnee, was es zu wissen gibt –, aber er macht auch nicht noch mehr Fässer auf, sonst liefe die Geschichte Gefahr, sich zu verlieren. Stilistisch macht Wilm auch alles richtig und legt seinem Helden den genau passenden Ton auf die Brust, eine Mischung aus elitärem Akademiker und triebgesteuerten Macho. Die einzigen Stellen, die immer wieder störten, waren die furchtbar unangenehmen Sexszenen, die zwar in den Plot passen, bei denen ich mir im Nachhinein aber wünschte, ich wäre kein Lesezeuge geworden. Sehr angenehm dagegen ist der Soundtrack zum Buch. Jedes Kapitel ist mit einem Song überschrieben; die Playlist gibt es auf Spotify zu abonnieren. Herausgekommen ist eine bunte Mischung aus Indie, Alternative und Art-Rock, bei der es viel zu entdecken gibt.

Auf eine Sache muss ich noch eingehen, die ich normalerweise als relativ nebensächlich erachte: Die Aufmachung des Romans. Dass Schöffling hochwertige Bücher auf den Markt bringt, ist ja kein Geheimnis, aber diesmal ist ihnen wirklich ein Schmuckstück gelungen. Das schwarze Coverbild zeigt eine stark vergrößerte Schneeflocke und eine Palme von oben, zwei sich ähnelnde Sinnbilder genau der Themen, die sich im Roman am meisten aneinander reiben. Das Buch selbst ist glänzend weiß und sieht aus wie aus einem Eisblock geschnitten, dass einem beim bloßen Hingucken schon friert. Das leicht gilbe Papier, die angenehme Type und der perfekt austarierte Seitenspiegel – all das macht das Buch auch haptisch zu einem Kunstwerk.

Ich denke, mit Jan Wilm hat sich ein großes Talent auf der Literaturbühne zu Wort gemeldet und ich bin gespannt, was da noch alles kommt.


978-3-89561-497-2WINTERJAHRBUCH erschien beim Verlag Schöffling, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet Ihr hier. Eine weitere Besprechung findet Ihr bei Buch-Haltung. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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