Katja Kettu | DIE UNBEZWINGBARE

FIN 2018 | 335 Seiten
OT: »Rose on poissa«
Aus dem Finnischen von Angela Plöger
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0001-5

[…] meine Mutter verwandelte sich in einen Wolf, und das ist die Wahrheit.

(Seite 15)

Als ich noch ein Junge war, gab es mal eine Serie von bunten Sammelfiguren aus Hartgummi. Monster in my Pocket hießen die, muss gleich nach der Wende gewesen sein. Man konnte einen großen Setzkasten in Form eines Vulkans an die Wand schrauben und die kleinen Figuren der Reihe nach in ihre Fächer stellen. Hydra, Medusa, Ghoul – ich hatte sie alle. (Ich will nicht wissen, was das gekostet hat. Den armen Eltern der Zonenkinder wurde nach Strich und Faden das frisch verdiente Westgeld aus den Taschen gezogen und auf diese Weise gleich beigebracht, wie Kapitalismus, Werbung und Konsumzwang funktionieren.) Ein Monster, das mir über all die Jahre in Erinnerung blieb, ist der Weendigo, ein furchterregendes Scheusal aus der Mythologie der Ojibwe-Indianer, die im Grenzgebiet zwischen den USA und Kanada leben. Jahre später kam mir dieses Viech bei der Lektüre von Stephen Kings FRIEDHOF DER KUSCHELTIERE wieder unter, und jetzt, nochmal fünfundzwanzig Jahre weiter, kreuzt es meinen Weg erneut – in Katja Kettus grandiosem Roman DIE UNBEZWINGBARE.

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Andreas Maier | DIE STÄDTE

D 2021 | 180 Seiten
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42993-8

Die Städte kamen sich näher.

(Seite 7)

Nachdem es im letzten Jahr ruhig war um Andreas Maier — zumindest was Romanveröffentlichungen angeht –, dürfen sich die Fans der Ortsumgehung 2021 über einen neuen Teil freuen. DIE STÄDTE ist bereits der achte Band seiner autobiographischen Vergangenheitserkundung und auch diesmal überzeugt der Autor mit gutem Blick für die Details seiner Jugend und setzt seiner Heimat, der südhessischen Provinz, ein kleines Denkmal. Dabei geht es in DIE STÄDTE ausnahmsweise mal nicht vorrangig um die Wetterau, jenem Landstrich, zu dem er im Laufe seines Lebens eine Art Hassliebe entwickelt hat. Viel eher nimmt er uns diesmal mit auf Reisen: zu den Urlaubszielen mit seinen Eltern, den Trampingreisen als Jugendlicher, den Bildungsfahrten als Student.

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Katharina Höftmann Ciobotaru | ALEF

D 2021 | 415 Seiten
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0000-8

Als Maja geboren wurde, an einem unter drückender Hitze ächzenden Nachmittag im August 1984, raste ein mit fünf Tonnen Kies beladener Lastwagen mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde über die Sperranlagen am Grenzübergang Friedrichstraße / Zimmerstraße.

(Seite 11)

Maja und Eitan, Eitan und Maja – eine größere Liebe ist kaum vorstellbar. Seit sich die beiden in Indien zum ersten Mal über den Weg liefen, sind sie unzertrennlich, auch wenn knapp dreitausend Kilometer zwischen ihnen liegen. Denn Maja kommt aus Deutschland und Eitan aus Israel. In einem drei Generationen umfassenden Bogen erzählt Katharina Höftmann Ciobotaru (*1984) die Geschichte zweier Familien, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

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Charlie Kaufman | AMEISIG

USA 2020 | 863 Seiten
OT: »Antkind«
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-26833-3

Es landet mit einem Wumms, aus dem Nichts kommend, von außerhalb der Zeit, außerhalb jeder Ordnung, herausgeschleudert aus der Zukunft oder vielleicht der Vergangenheit, aber es landet hier, an dieser Stelle, in diesem Augenblick, der jeder Augenblick sein könnte, was wohl bedeutet, so nimmst du an, dass es gar kein Augenblick ist.

Seite (9)

Von den rund fünfhundert Spielfilmen, die jedes Jahr in Hollywood produziert werden, kann man getrost zwei Drittel unter der Rubrik Leichte Unterhaltung abheften. Verliebte Teenager überwinden soziale Barrieren, um zueinander zu finden; bunt gekleidete Superhelden kämpfen gegen intergalaktische Bösewichte; computer-animierte Tiere mit menschlichen Emotionen singen von Liebe und Freundschaft … Das ist nicht weiter schlimm, denn was ist Hollywood anderes als eine riesige Unterhaltungsindustrie? Im verbleibenden Drittel jedoch finden sich immer wieder glänzende Perlen mit enormem Kultpotential. Ich bin der Meinung, ob ein Film das Zeug dazu hat, die Zeit zu überdauern und in Jahrzehnten noch gern gesehen zu werden, steht und fällt mit dem Drehbuch. Eine alte Weisheit besagt: Aus einem guten Drehbuch kann man einen schlechten Film machen – andersherum funktioniert das nicht.

Seit der Film BEING JOHN MALKOVICH im Kino lief – Ach, wie gern wäre ich doch mal wieder in einem Kino! –, bin ich ein großer Bewunderer von Drehbuchschreiber Charlie Kaufman. Ich zähle ihn neben Paul Thomas Anderson, Christopher Nolan und den Coen-Brüdern zu den wenigen wirklich kreativen Autoren Hollywoods, inhaliere jeden seiner Filme dutzendfach und lese auch die Original-Drehbücher dazu. (Ich habe sogar ein paar alte Newmarket Shooting Script-Ausgaben im Schrank stehen.) Filme wie VERGISS MEIN NICHT!, ADAPTION oder ANOMALISA gehören meines Erachtens in jede gut sortierte Privat-Videothek, und wer SYNECDOCHE, NEW YORK noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen.

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Callan Wink | BIG SKY COUNTRY

USA 2020 | 379 Seiten
OT: »August«
Aus dem amerikanischen Englisch von Hannes Meyer
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42983-9

Bonnie und Dar saßen am Ende des Stegs hinter dem Ferienhaus von Bonnies Eltern.

(Seite 7)

Ein uralter Traum von mir ist es, die Vereinigten Staaten von der Ostküste zur Westküste zu durchqueren. Von Boston nach Seattle, immer auf der Interstate 90 in Richtung Sonnenuntergang. Der Atlantik, Neuengland, die Großen Seen, der Mittlere Westen, die Rocky Mountains und schließlich der Pazifik – muss herrlich sein. Auf dem letzten Drittel käme ich dann auch durch den Bundesstaat Montana mit seinen endlosen Getreidefeldern im Osten und den schneebedeckten Berggipfeln im Westen. Keine Menschenseele meilenweit, nur grasende Bisonherden und das Rascheln des Weizens im ewigen Wind…

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Jakob Nolte | KURZES BUCH ÜBER TOBIAS

D 2021 | 231 Seiten
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42979-2

Aufgrund einer optischen Täuschung sah es so aus, als würden sich die Rotorblätter bloß langsam oder fast gar nicht bewegen, aber das stimmte nicht.

(Seite 7)

Seit Tagen brüte ich nun schon vor mich hin, wie ich wohl eine Rezension über Jakob Noltes neuen Roman KURZES BUCH ÜBER TOBIAS aufziehen könnte — ohne Erfolg. Zuerst wollte ich klassischerweise die Handlung grob umreißen, aber das allein schon entzog sich jeder Bemühung. (Falls Ihr etwas darüber erfahren wollt, verweise ich auf den Klappentext; klickt einfach unten auf das Coverbild, da landet Ihr auf der Verlagsseite.) Dann wollte ich einen Text schreiben, der immer wieder vom Thema abweicht und sich in Nebensächlichkeiten verliert, die überhaupt nichts mit Nolte oder seinem Buch zu tun haben, einen Text, der nur eine Aufgabe hat: die Leserschaft zu verwirren … aber auch das wollte mir nicht gelingen. (Heb ich mir für später auf.) Nun wird es ein Beitrag über das eigene Scheitern an einem Buch und seinem Autor.

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Amy Waldman | DAS FERNE FEUER

USA 2019 | 496 Seiten
OT: »A Door in the Earth«
Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-168-1

Sobald sie die Straße sah, wusste sie, was ihn daran gereizt hatte.

(Seite 9)

Die junge Berkeley-Studentin Parvin reist von Kalifornien ins ferne Afghanistan, um dort in einer Klinik mittellosen Frauen bei der Niederkunft beizustehen. Vor ein paar Jahren wurde die Klinik in einem großen Akt humanitärer und finanzieller Selbstaufopferung von Dr. Gideon Crane quasi aus dem Nichts aufgebaut. Über den Bau, die widrigen Umstände und die Gefahren in diesem wunderschönen, aber vom Bürgerkrieg zerfressenen Land hat Crane ein Buch geschrieben, das in den Vereinigten Staaten ein Bestseller wurde und sich in kurzer Zeit zum Standardwerk in Sachen Afghanistan und der gesellschaftlichen und politischen Lage dort gemausert hat.

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Mirko Bonné | SEELAND SCHNEELAND

D 2021 | 444 Seiten
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-410-1

Dort, wo wir hingehen, gibt es Bäume, die höher sind als die allerhöchsten Häuser auf der Welt.

(Seite 9)

Wales vor hundert Jahren – sicher nicht die traumhafteste Gegend. Triste Landschaft, schlechtes Wetter; auf dem Land nur Matsch und Dung, in der Stadt nur Dreck und Rauch. Auch die Greuel des Weltkrieges und die Folgen der Spanischen Grippe sind noch deutlich spürbar. Doch die tapferen Waliser nehmen das Leben wie es kommt und machen das beste daraus. Und wem das nicht reicht – wer höhere Ambitionen hat als den bloßen Lebensunterhalt –, der wandert aus. So wie Ennid Muldoon, eine junge Frau, die von Erfolg und einem besseren Leben träumt, alles Dinge, die ihr das enge Wales nicht bieten kann. Sie kappt ihre Wurzeln und verlässt ihre Heimat per Schiff nach Amerika, dem Land der Verheißungen. Doch wegen eines gewaltigen Schneesturms muss das Schiff – die Sealand – den Kurs ändern und anstatt direkt über den Atlantik zu fahren, macht es Halt in Rotterdam und Hamburg, um dann nördlich der britischen Inseln den Sturm zu umgehen.

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Reinhard Kleist | NICK CAVE – MERCY ON ME

D 2017 | 328 Seiten
Carlsen
978-3-551-726466-9

Es war Montag, als ich alles hinter mir ließ. (Seite 7)

Einer der interessantesten, eigensinnigsten und unbequemsten Künstler der letzten vierzig Jahre ist ohne Zweifel Nick Cave. Er ist nicht nur Musiker, sondern hat in seiner langen Karriere auch Romane und Drehbücher geschrieben und in Filmen mitgespielt – ein Leben für die Kunst, immer auf der Suche nach der Wahrheit und nie auf ausgetretenen Pfaden wandelnd. Sein Album Murder Ballads – eine fantastische Platte voller Schwermut und Poesie – und die darauf enthaltene Single Where the Wild Roses Grow gehören unauslöschlich zum Soundtrack meiner Jugend, und als vor ein paar Wochen mit Idiot Prayer eine sehr intime Compilation erschien – Cave singt eine feine Auswahl seiner Songs, begleitet einzig von einem Flügel –, fiel mir wieder ein, dass ich seit Langem schon Reinhard Kleists Graphic Novel MERCY ON ME vorstellen wollte.

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Eimar O’Duffy | KING GOSHAWK UND DIE VÖGEL

IRL 1926 | 276 Seiten
OT: »King Goshawk and the Birds«
Übersetzt von Gabriele Haefs
Alfred Kröner Verlag
ISBN: 978-3-520-60701-0

›Welch trauriger Gedanke, dass überall auf der Welt so viele Vögel singen,
die ich niemals hören werde.‹

(Seite 11)

Der reiche und eitle Weizenkönig Goshawk verspricht seiner Angetrauten Guzzelinda alle Singvögel der Welt und eröffnet – dank seiner Macht und seines Geldes – die Jagd auf die armen Piepmätze. So beginnt Eimar O’Duffys Gesellschaftssatire KING GOSHAWK UND DIE VÖGEL, ein moderner Klassiker der irischen Literatur. Doch anders als der Titel vermuten lässt, bleibt der Fokus der Geschichte nicht lange auf jenem Machthaber, der heute – knapp hundert Jahre nach Veröffentlichung – frappierende Ähnlichkeiten mit Donald Trump aufweist. Die eigentlichen Helden sind diejenigen, die sich dem König entgegenstellen.

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