Emma Cline | DADDY

USA 2020 | 256 Seiten
OT: »Daddy«
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-27073-2

Linda war im Haus und telefonierte – mit wem eigentlich, so früh?

(Seite 7)

Die short story hat in Amerika eine lange Tradition und wird dort seit Jahrhunderten gepflegt und gefeiert. Es gehört fast zum guten Ton, dass sich Autorinnen und Autoren von Rang zwischendurch mit einer kleinen Geschichte zu Wort melden und alle paar Jahre ihre Kurzwerke in einem Sammelband veröffentlichen. Manche sind für ihre short stories sogar berühmter als für ihre Romane, wenn ich da an Alice Munroe, John Cheever, Katherine Ann Porter oder Harold Brodkey denke. Nun reiht sich mit DADDY auch die 1989 geborene Emma Cline in diese illustre Riege – das Ergebnis kann sich sehen lassen.

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Esther Becker | WIE DIE GORILLAS

D 2021 | 160 Seiten
Verbrecher Verlag
ISBN: 978-3-95732-470-2

Zu viert müssen sie mich festhalten. Vielleicht auch zu fünft.

(Seite 9)

Esther Beckers Debütroman, der das Erwachsenwerden junger Frauen zum Thema hat, beginnt hart und eindrücklich mit mit einem Übergriff. Was zunächst nach einer Gruppenvergewaltigung klingt, entpuppt sich nach wenigen Absätzen als ärztliche Verabreichung von Augentropfen mit starker Gegenwehr des Kindes. »Achso«, denkt man und wischt sich den Schweiß von der Stirn, »dann ist es ja nicht so schlimm.« – Aber ist es das wirklich nicht? Es folgen weitere Episoden, die sich in den ersten Zeilen härter lesen, als sie am Ende eigentlich sind. Und vielleicht muss man hier und da sogar ein wenig schmunzeln, weil man an die eigene Jugend zurückdenkt, an die eigenen Macken und Verfehlungen in dieser verrückten Zeit, in der man kein Fettnäpfchen ausgelassen hat. Doch beim Lesen von WIE DIE GORILLAS merkt man schnell: Dies ist alles andere als ein Buch mit Jugendschwänken aus der guten alten Zeit und zum Lachen ist hier überhaupt nichts.

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Gert Loschütz | BESICHTIGUNG EINES UNGLÜCKS

D 2021 | 334 Seiten
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-157-5

»Nicht deine Zeit.«

(Seite 11)

Als Bahnpendler kenne ich dieses unschöne Gefühl, wenn der Zug auf scheinbar freier Strecke plötzlich ohne Vorwarnung stark abbremst. Eben noch ist alles in bester Ordnung: Du bist noch ein bisschen schläfrig, vielleicht auch etwas verkatert; das tiefe Brummen der Motoren und die leisen Gespräche von der Sitzbank vor dir schenken friedliche Geborgenheit; du willst eigentlich lesen, aber deine Augen fallen immer wieder zu; vor den Fenstern erwacht das Mecklenburger Flachland in nebeligem Dämmerlicht aus seinem Schönheitsschlaf; und deine größte Angst besteht darin, dass du die Haltestelle verpennst.

Und dann ist alles anders: Es kreischt von den Gleisen; es zischt und faucht aus irgendwelchen Maschinen, die hinter Kunststoffpanelen in der Wand versteckt sind; Koffer poltern durch die Gänge; Kaffebecher kippen um und ergießen ihren Inhalt über die Schöße der Reisenden; jemand brüllt laut auf, ob vor Angst, Schmerz oder Schreck, bleibt unklar; und du rutschst im Sitz nach vorn, als hätte Hulk dich geschubst, oder wirst wie von Titanenhand in die Rückenlehne gedrückt, je nachdem wie du dich hingesetzt hast, als noch alles in Ordnung war. Und auch wenn es nur ein paar Sekunden dauert und der Zug die Reise dann fortsetzt, als sei nichts gewesen, bist du hellwach und dir sind in diesen kurzen Momenten hundert Dinge durch den Kopf gegangen. »Ein anderer Zug! Direkt auf uns zu! Genau in uns rein! Hier wird’s gleich eng! Das war’s! Adieu schöne Welt, du warst gut zu mir! Aufprall und Ende in 3… 2… 1…«

Passiert nicht oft, und wenn, dann auch selten so heftig, aber es kommt vor. Eine richtige Vollbremsung mit allem Drum und Dran habe ich nur ein Mal erlebt, InterCity von Bremen Richtung Osnabrück, von 160 auf Null in … keine Ahnung … die Zeit bis zum Stillstand war wahrscheinlich viel länger als ich schätzen würde und deutlich kürzer als sie mir vorkam. Muss ich nicht nochmal haben.

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Ling Ma | NEW YORK GHOST

USA 2018 | 360 Seiten
OT: »Severance«
Aus dem Amerikanischen von Zoë Beck
Culturbooks
ISBN: 978-3-95988-152-4

Nach dem ENDE kam der ANFANG.

(Seite 7)

Stellt Euch folgendes Szenario vor: In China bricht eine Krankheit aus, die zunächst langsam und auf ein einzelne Stadt beschränkt, dann aber immer schneller um sich greift und durch den globalisierten Handel auch internationale Gebiete erreicht. Innerhalb weniger Wochen sind fast alle Teile der Welt von einer handfesten Pandemie betroffen. Die Erkrankung verbreitet sich über die Atemluft. Um die Ansteckungen einzudämmen, müssen die Menschen Masken tragen, Sicherheitsabstände einhalten und soziale Kontakte meiden, am besten, sie bleiben gleich ganz zuhause. Doch die Zahlen steigen immer weiter und in kürzester Zeit ist die medizinische Versorgung komplett überlastet… Kommt Euch das bekannt vor? Ich vermute mal: Ja. Eine solche Geschichte präsentiert Euch die amerikanische Autorin Ling Ma in ihrem Debütroman NEW YORK GHOST. Aber ganz ehrlich, ein Buch über eine Pandemie? Wer braucht denn sowas in den heutigen Tagen? Funfact: Der Roman erschien in den USA bereits im August 2018…

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Gabriel Krauze | BEIDE LEBEN

UK 2020 | 384 Seiten
OT: »Who They Was«
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5850-7

Raus aus der Karre und ich steh auf dem Gehweg und das ist der Moment, wenn du aus dem Wagen springst und es ist zu spät umzukehren, wenn du weißt, dass dus definitiv tun wirst, obwohl dich die Art, wie dir das Adrenalin durch den Körper pumpt, eine Sekunde lang wünschen lässt, dass du ganz woanders wärst.

(Seite 5)

Seid Ihr schon mal überfallen worden? Also nicht im Vorbeigehen heimlich beklaut, sondern so richtig mit Androhung von Gewalt in die Ecke gezerrt und ausgenommen? Ich schon. Nachts im Rostocker Szeneviertel Kröpeliner Tor-Vorstadt von zwei bis in die Haarspitzen zugekoksten Prasselköppen, riesige Kerle, vermummt und aggressiv. Ich musste mein Bargeld und meine Armbanduhr opfern, um von den Idioten nicht zusammengeschlagen zu werden. Ist schon mehr als zwanzig Jahre her, hat aber einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Seitdem denke ich immer wieder an diese Nacht zurück, wenn ich von Raubüberfällen aller Art höre, und überlege mir, was ein Mensch erleben muss, um so ein Arschloch zu werden. Jemanden für zehn Mark und ’ne billige Casio – »Wir hatten ja nichts!« – so dermaßen in Angst zu versetzen, ist doch eine erbärmliche Art und Weise, sein Leben zu bestreiten. Der junge Brite Gabriel Krauze, der jahrelang zu genau dieser Sorte von Kriminellen gehörte, hat nun einen Roman über seine wilde Zeit zwischen Raubüberfällen und Drogendealerei geschrieben und landete damit prompt auf der Longlist zum Booker Prize.

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Anthony Doerr | WOLKENKUCKUCKSLAND

USA 2021 | 532 Seiten
OT: »Cloud Cuckoo Land«
Aus dem Englsichen von Werner Löcher-Lawrence
C. H. Beck
ISBN: 978-3-406-77431-7

Ein vierzehnjähriges Mädchen sitzt im Schneidersitz auf dem Boden eines kreisrunden Gewölbes.

(Seite 12)

Macht Ihr Euch auch manchmal Gedanken darüber, was am Ende aller Zeiten von uns noch übrig ist? Ich meine nicht von Dir oder mir als einzelnem Individuum, sondern von uns als Menschheit. Also das, was wir hinterlassen, wenn die Letzten unserer Art schon längst zu Staub zerfallen sind – unser Erbe, unser Nachlass. Wenn in zigtausenden von Jahren irgendeine zukünftige, sechsbeinige und extrem robuste Huftierart in den Ruinen einer beliebigen ehemaligen Großstadt rumschnüffelt, was wird sie finden? Wahrscheinlich tonnenweise Tupperdosen, halten ja ewig, die Dinger … aber was soll das Zukunftsgnu damit? Dass alles, was wir produzieren, irgendwann einmal auf dem Müll landet, ist ein genauso unumstößlicher Fakt, wie, dass alles was lebt, irgendwann stirbt. Die Mona Lisa wird zerfallen, genauso wie die Golden Gate Bridge; die Cheops-Pyramide wird von den Winden von Tausenden Jahren immer weiter abgeschliffen und den Eurotunnel wird die Last des Ärmelkanals irgendwann zerdrücken.

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Judith Hermann | DAHEIM

D 2021 | 192 Seiten
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-397035-7

Damals, in diesem Sommer vor fast dreißig Jahren, wohnte ich im Westen und weit weg vom Wasser.

(Seite 7)

Je älter man wird, desto länger wird Liste der Gedanken, die mit den Worten beginnen: »Was wäre, wenn ich damals…« Was wäre, wenn ich diesen Menschen damals nicht geheiratet hätte. Wenn ich damals Ja gesagt hätte, oder Nein. Wenn ich damals mitgegangen, oder auch zuhause geblieben wäre. Mich für etwas anderes entschieden hätte. Wie ginge es mir. Wo stünde ich jetzt. Das Leben wäre anders verlaufen, keine Frage. Aber ob besser oder schlechter ist selten klar zu beantworten. Wir versuchen ja alle irgendwie das Beste aus den paar Jahren zu machen, die uns gegeben sind, aber auch wenn wir glücklich sind – wobei Glück für jeden etwas anderes bedeutet –, bleiben diese Gedanken nie ganz aus. Judith Hermann hat mit DAHEIM ein so ruhiges wie eindringliches Buch über jene Phase des Lebens geschrieben, in der wir vieles überdenken.

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Colson Whitehead | HARLEM SHUFFLE

USA 2021 | 384 Seiten
OT: »Harlem Shuffle«
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-27090-9

Für den Raubüberfall holte ihn sein Cousin Freddie eines heißen Abends Anfang Juni ins Boot.

(Seite 11)

Es sind die späten 50er Jahre in Harlem, dem schwärzesten Stadtteil New York Citys. Ray Carney — Ehemann und Vater — versucht sich als rechtschaffender Möbelverkäufer auf den stark umkämpften Handelsstraßen über Wasser zu halten. Er verkauft teure Designerstücke genauso wie gebrauchte Sitzkombis — ihm ist das einerlei; Hauptsache, es bringt etwas Asche ein. Da das mit dem Geld verdienen damals wie heute aber so eine Sache ist, lässt er sich auch ab und zu mit Diebesgut ein, das er bei Kontaktmännern verhökert, gern auch Artikel jenseits der Möbelkataloge, vorzugsweise Edelsteine. Sein großer Traum ist es, mit seiner Familie die ärmliche Wohngegend zu verlassen und in einer etwas nobleren Gegend heimisch zu werden. Das wollen viele, doch meistens bleiben es Träume.

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Raphaela Edelbauer | DAVE

A 2021 | 432 Seiten
Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-96473-8

Bevor die Pionierlebensform Archea Methanopyri den Kosmos mit ihrer ersten Empfindung aufschloss, hatte 10,2 Milliarden Jahre lang Stille im Universum geherrscht.

(Seite 5)

Irgendwann, in einer – gar nicht so – weit entfernten Zukunft, lebt ein kläglicher Rest der Menschheit in einem riesigen Forschungs- und Laborkomplex, einem völlig autarken Gebäudesystem ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt … das Teil hat noch nicht mal Fenster. Die Erde selbst ist schon lange nicht mehr bewohnbar: Überbevölkerung, Klimakatastrophen und Hungersnöte haben das Leben im Freien unmöglich gemacht. Es entspricht aber seit jeher der Natur des Menschen, Wege zu finden sich anzupassen, der Auslöschung zu entgehen und das Unvermeidliche ein weiteres Mal aufzuschieben. Und wenn es in der realen Welt keine Lösung mehr gibt, muss sie eben in der virtuellen Welt gefunden werden – und hier kommt DAVE ins Spiel…

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Angelika Klüssendorf | VIERUNDDREISSIGSTER SEPTEMBER

D 2021 | 217 Seiten
Piper
ISBN: 978-3-492-05990-9

Sieh mal die Blumen, wollte sie sagen, doch sie tat es nicht.

(Seite 9)

Die Liste mit Romanen, in denen es darum geht, was mit uns nach dem Tod passiert, ist lang. Immer wieder versuchen sich Autorinnen und Autoren auf der ganzen Welt daran, ihre Vorstellung unseres Nachlebens in möglichst formvollendete Prosa zu gießen, sei es auf religiöse, philosophische oder humorvolle Art. Die Gedanken um ein eventuelles Leben nach dem Tod gehören sicher zu ältesten der Menschheitsgeschichte, kein Wunder also, dass jede Menge Geister, Untote und auf ewig wandernde Seelen die Literatur seit Jahrhunderten bevölkern. Zu den jüngeren Ergebnissen schriftstellerischer Arbeit zu diesem Thema zählen unter anderen DAS FELD von Robert Seethaler und LINCOLN IM BARDO von George Saunders, der für seinen Roman 2017 sogar mit dem begehrten Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Nun hat sich Angelika Klüssendorf an diesen nahezu unerschöpflichen Stoff gewagt und präsentiert mit VIERUNDDREISSIGSTER SEPTEMBER ihre ganz eigene Vision des süßen Jenseits.

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