Raphaela Edelbauer | DAVE

A 2021 | 432 Seiten
Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-96473-8

Bevor die Pionierlebensform Archea Methanopyri den Kosmos mit ihrer ersten Empfindung aufschloss, hatte 10,2 Milliarden Jahre lang Stille im Universum geherrscht.

(Seite 5)

Irgendwann, in einer – gar nicht so – weit entfernten Zukunft, lebt ein kläglicher Rest der Menschheit in einem riesigen Forschungs- und Laborkomplex, einem völlig autarken Gebäudesystem ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt … das Teil hat noch nicht mal Fenster. Die Erde selbst ist schon lange nicht mehr bewohnbar: Überbevölkerung, Klimakatastrophen und Hungersnöte haben das Leben im Freien unmöglich gemacht. Es entspricht aber seit jeher der Natur des Menschen, Wege zu finden sich anzupassen, der Auslöschung zu entgehen und das Unvermeidliche ein weiteres Mal aufzuschieben. Und wenn es in der realen Welt keine Lösung mehr gibt, muss sie eben in der virtuellen Welt gefunden werden – und hier kommt DAVE ins Spiel…

Weiterlesen »

Angelika Klüssendorf | VIERUNDDREISSIGSTER SEPTEMBER

D 2021 | 217 Seiten
Piper
ISBN: 978-3-492-05990-9

Sieh mal die Blumen, wollte sie sagen, doch sie tat es nicht.

(Seite 9)

Die Liste mit Romanen, in denen es darum geht, was mit uns nach dem Tod passiert, ist lang. Immer wieder versuchen sich Autorinnen und Autoren auf der ganzen Welt daran, ihre Vorstellung unseres Nachlebens in möglichst formvollendete Prosa zu gießen, sei es auf religiöse, philosophische oder humorvolle Art. Die Gedanken um ein eventuelles Leben nach dem Tod gehören sicher zu ältesten der Menschheitsgeschichte, kein Wunder also, dass jede Menge Geister, Untote und auf ewig wandernde Seelen die Literatur seit Jahrhunderten bevölkern. Zu den jüngeren Ergebnissen schriftstellerischer Arbeit zu diesem Thema zählen unter anderen DAS FELD von Robert Seethaler und LINCOLN IM BARDO von George Saunders, der für seinen Roman 2017 sogar mit dem begehrten Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Nun hat sich Angelika Klüssendorf an diesen nahezu unerschöpflichen Stoff gewagt und präsentiert mit VIERUNDDREISSIGSTER SEPTEMBER ihre ganz eigene Vision des süßen Jenseits.

Weiterlesen »

Heinrich Steinfest | AMSTERDAMER NOVELLE

D 2021 | 108 Seiten
Piper
ISBN: 978-3-492-07117-8

Wenn gesagt wird, Fotos lügen, dann eigentlich nur, weil wir mit der Wahrheit, die in einem bestimmten Foto steckt, nicht einverstanden sind.

(Seite 5)

Der österreichische Schriftsteller Heinrich Steinfest ist mit den Kriminalromanen um den Privatdetektiv Markus Cheng berühmt geworden. Seine Bücher, die gekonnt den Spagat zwischen Humor und Mystery meistern, begeistern seit Jahren sowohl die Kritik als auch das Publikum. Doch auch die Veröffentlichungen abseits der Kriminalliteratur wurden in der Vergangenheit große Erfolge. Spätestens mit seinem Roman DER ALLESFORSCHER, mit dem er 2014 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, war ihm der Ruf eines ernstzunehmenden Schriftstellers garantiert. Die darauf folgenden Romane, wie DAS GRÜNE ROLLO, DAS LEBEN UND STERBEN DER FLUGZEUGE oder DIE BÜGLERIN waren allesamt große Erfolge. Was viele von Steinfests Geschichten gemein haben, ist ein kleines, aber entscheidendes surreales Element, ein Knick in der Zeit beispielsweise, oder ein Portal zwischen den Dimensionen. Und auch in seinem neuen Buch AMSTERDAMER NOVELLE scheut der Autor nicht davor zurück, dieser altehrwürdigen, aber doch etwas aus der Mode gekommenen Prosaform seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken.

Weiterlesen »

Sylvia Wage | GRUND

D 2021 | 176 Seiten
Eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0093-1

Mein Vater lag tot auf dem Grund des Brunnens.

(Seite 5)

Heute ist es endlich soweit: GRUND, der Debütroman von Sylvia Wage kommt in den Handel. Wer meinem Blog schon länger folgt, wird sich vielleicht erinnern, dass ich mich Anfang des letzten Jahres durch dutzende Leseproben und Manuskripte unveröffentlichter Romane gelesen habe. Ich war Mitglied der Blogger-Jury für die aktuelle Staffel des Blogbuster-Preises und meine Aufgabe war es, das Manuskript auszuwählen, das meines Erachtens eine Veröffentlichung verdient – ich entschied mich für GRUND. Aus über hundert Einsendungen blieben am Ende neun Titel übrig, aus denen eine Fach-Jury den Sieger kürte – Sylvia gewann und nun, fast ein Jahr später, steht das Ergebnis in den Buchläden. Seit vielen Monaten fiebere ich diesem Tag entgegen und kann dieses außerordentliche Buch nun endlich rezensieren.

Weiterlesen »

Douglas Stuart | SHUGGIE BAIN

USA 2020 | 496 Seiten
OT: »Shuggie Bain«
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-27108-1

Der Tag war mau.

(Seite 11)

Eines vorweg: Ich bin, was traurige Bücher angeht, nicht unbedingt empfindlich. Ich lasse mich gern von tragischen Momenten berühren, bin ja nicht gefühllos, aber dass ich während einer Lektüre wirklich geweint habe, ist schon sehr lange her. Tja, diese tränenlose Serie wäre hiermit wohl beendet. Douglas Stuart hat es tatsächlich – und mit erschreckender Leichtigkeit – geschafft, mit seinen zielsicheren Prosafingern mein Herz zu umschließen und kräftig zuzudrücken.


Es sind die 80er Jahre in Glasgow, Schottland – ein eher finsteres Jahrzehnt in der jüngeren Geschichte des Vereinigten Königreiches. Der kleine Hugh »Shuggie« Bain lebt mit seiner Familie ein paar Kilometer außerhalb im heruntergekommenen Arbeiterviertel Pithead, wo Trostlosigkeit auf Armut trifft. Die Männer hier sind von ihren harten Jobs im Bergbau körperlich am Ende, die Frauen kümmern sich mehr schlecht als recht um die vielköpfigen Rasselbanden. Die Kids sind ungehobelt und raufsüchtig, die Erwachsenen mies gelaunt. Alle sind bildungsfern, rauchen was das Zeug hält und greifen oft und gern zur Flasche. Nur Shuggie ist anders. Er ist sensibel und mitfühlend, spielt eher mit seiner Puppe als mit einem Fußball und bleibt lieber unauffällig als sich – wie die anderen Jungs – lauthals und mit Gewalt einen oberen Platz in der Hackordnung zu ergattern. Natürlich macht ihn das in der gnadenlosen Nachbarschaft zum Gespött und Mobbingopfer N°1.

Weiterlesen »

Marion Skepenat | AMMENMÄRCHEN

D 2020 | 722 Seiten
Grünberg Verlag
ISBN: 978-3-933713-62-9

Ich wählte drei nebeneinanderliegende Grabstellen aus.

(Seite 5)

Folgende Situation: Ihr holt Euch ein Buch nach Hause, von dessen Inhalt Ihr so gut wie nichts wisst; der Name der Autorin und der Titel des Romans kamen Euch in den letzten Monaten schon ein paar Mal unter, aber Ihr habt den Kauf auf unbestimmte Zeit nach hinten verschoben, in die große Schublade mit dem kleinen Schild »irgendwann mal«, wo schon so viele andere Bücher liegen – diese Schublade hat meistens keine Rückwand und immer, wenn Ihr ein neues Buch hineinlegt, fällt hinten eines direkt den Müllschacht hinab –; aber jetzt, wo Ihr das Teil schon in der Hand habt, geht Ihr die Lektüre doch an und merkt gleich nach zwei, drei Kapiteln: »Meine Fresse! Warum habe ich nur so lange gewartet?!« Kennt jeder, oder?

So erging es mir mit AMMENMÄRCHEN von Marion Skepenat. Der Roman ist bereits letztes Jahr im Rostocker Verlag Grünberg als Band 10 der stetig wachsenden Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern erschienen – solche Veröffentlichungen bleiben einem literaturaffinen Rostocker wie mir natürlich nicht lange unbemerkt. Der Titel tauchte in den Folgemonaten immer mal wieder auf meinem Radar auf, doch weder Klappentext noch Cover konnten mich letztlich dazu bewegen, einem genaueren Blick zu riskieren. Erst als die Autorin über ihren Instagram-Kanal ein paar Exemplare verloste, sagte ich mir: »Na los, jetzt oder nie«, und Zack! hatte ich das AMMENMÄRCHEN zu Hause.

Weiterlesen »

Susanne Thomas | IN ZEITEN DES TULPENWAHNS

D 2021 | 234 Seiten
Ruhland Verlag
ISBN: 978-3-88509-166-0

Dichter Morgennebel lag auf den sumpfigen Feldern vor den Toren Haarlems.

(Seite 5)

Eine Sache, die ich nie verstanden habe, ist der Aktienmarkt. Was passiert mit dem Wert einer Aktie, wenn eine Firma dies oder das tut? Verliere ich wirklich all mein Geld, wenn ich langsamer verkaufe, als alle anderen? Und warum wird am Ende immer irgendjemand sehr reich und ein anderer dafür sehr arm? Für mich sind das alles böhmische Wälder. Ich bin ausreichend sozialistisch erzogen, um zu wissen, dass ich mit dem Wenigen, was ich habe, nicht an der Börse zocken muss, um glücklich zu sein. Ein Freund von mir sagt immer: »Geld ist bedrucktes Papier.« Recht hat er.

Spekuliert wird schon seit hunderten von Jahren, damals halt noch nicht vorrangig mit Wertpapieren, dafür aber mit alltäglichen Handelsgütern, wie etwa Gewürzen oder Blumen. Die Tulpe zum Beispiel – das Wahrzeichen der Niederlande – war in den 1630er Jahren Handelsobjekt N°1 für die holländische Upper Class. Züchter kauften Tulpenzwiebeln in rauen Massen, verschnitten und veredelten sie und verkauften sie an den Adel für horrende Preise, die mit den Ablegern weiterschacherten. Die Spekulationsblase, die daraufhin entstand, war gigantisch. Es wurden goldgleiche Preise für einzelne Blumenzwiebeln erzielt, die den eigentlichen, den naturgegebenen Wert um das Zigfache überschritten und mit normalem Menschenverstand nicht mehr zu erklären waren. Doch wie es solchen Blasen nun mal in der Natur liegt, neigen sie zum Platzen. In genau diese Epoche führt uns Susanne Thomas in ihrem Roman IN ZEITEN DES TULPENWAHNS.

Weiterlesen »

Thomas Kunst | ZANDSCHOWER KLINKEN

D 2021 | 254 Seiten
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42992-1

Claasen geht den Weg zu seinem Auto zurück, das er am Anfang der Verlaatstraße in einer Seitengasse abgestellt hat.

(Seite 11)


Da ist also dieser Typ, Bengt Claasen heißt er, der ein neues Leben anfangen will. Wo er damit startet, das überlässt er dem Zufall: Er legt ein Hundehalsband auf das Armaturenbrett seines Autos, fährt ganz langsam und vorsichtig durch die norddeutsche Pampa und wo das Halsband runterfällt, dort will er bleiben. So führt ihn das Schicksal nach Zandschow, irgendwo an der A7, dem nestigsten Nest nördlich der Linie Dortmund-Berlin. Die Leute hier haben nichts zu tun, sind arm und völlig vom hektischen Treiben der Großstädte abgeschnitten. Dennoch bleiben sie, denn sie machen das Beste aus dem, was sie haben, auch wenn das nicht viel ist. 

Weiterlesen »

Neil Gaiman | DER OZEAN AM ENDE DER STRASSE

UK 2013 | 336 Seiten
OT: »The Ocean at the End of the Lane«
Aus dem Englischen von Hannes Riffel
Illustriert von Elise Hurst
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0071-9

Es war nur ein Ententeich, ein Stück weit unterhalb des Bauernhofes.

(Seite 7)

Ganz ehrlich? Mit Fantasy konnte ich noch nie was anfangen. Klar habe ich DER HERR DER RINGE gelesen und den einen oder anderen SCHEIBENWELT-Roman – Wer hat das nicht? –, fand das auch alles irgendwie unterhaltsam, aber so richtig begeistern konnte mich das nicht wirklich. Mein letzter Versuch, mich in eine magische Welt voller Drachenviecher und Zauberkläuse zu versetzen, liegt etwa zehn Jahre zurück: Es war die klägliche Lektüre von DAS LIED VON EIS UND FEUER (vielen besser bekannt als GAME OF THRONES), die ich wegen akutem Desinteresse bereits nach dem zweiten Band aufgab – Himmel, was habe ich mich gelangweilt! Und kommt mir bloß nicht Harry Potter! Ich bin mir sicher, es gibt bahnbrechende Romane in diesem Genre und ich kann auch den großen Erfolg vieler Fantasy-Geschichten nachvollziehen, aber ich bin dafür einfach nicht der richtige Adressat; so etwas schaue ich mir dann lieber im Kino an.

[Frage aus dem Off: Hää? Und warum greifst Du dann ausgerechnet nach einem Roman von Neil Gaiman, dem ›Fürst of Fantasy‹?] Tja… keine Ahnung… Ausweitung der Komfortzone? Es ist so: Gaiman hat in meiner Wahrnehmung seit Jahren schon eine Art Sonderstatus. Ich mochte die Verfilmung von CORALINE sehr und habe mich in unserer Stadtbibliothek mal in der Comicausgabe von AMERICAN GODS festgelesen, so richtig mit Zeit vergessen und »Wir schließen jetzt!« und allem Pipapo. Ich mag die Verknüpfung unserer alltäglichen Welt mit Gaimans Vorstellung eines magischen, düsteren Jenseits, das uns umgibt. Und als der Verlag Eichborn dann mit einer illustrierten Neuausgabe einer seiner erfolgreichsten Romane um die Ecke kam, griff ich zu … und habe es nicht bereut.

Weiterlesen »

Mithu Sanyal | IDENTITTI

D 2021 | 432 Seiten
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-26921-7

Der Tag, an dem die Hölle ihre Schlünde öffnete und heulende Furien ausspie,
fing an wie ein ganz normaler Tag, wenn ein normaler Tag mit einer Rakete anfängt.

(Seite 11)

BOOKSTER HRO: [winkt kindisch in die Kamera] Hallo und herzlich Willkommen zur ersten Ausgabe meiner kleinen Sendung »Looks like Books«, schön, dass Ihr eingeschaltet habt! Erste Sendung… pfuuuh… bin natürlich etwas aufgeregt [lächelt nervös und kratzt sich am Hinterkopf], aber mal sehen, was mich so erwartet. Bin auch schon sehr gespannt, wie sich dieses Format in der nächsten Zeit so entwickelt und ob es Fortsetzungen geben wird. Ganz kurz etwas zum Ablauf: Ich spreche mit einem Gast über einen aktuellen Roman und hoffe, dass ich im Dialog etwas mehr über die Geschichte erfahren kann. Mehr ist es nicht, eigentlich ganz einfach.
Und der erste Gast, den ich begrüßen darf, hat eine turbulente Zeit hinter sich. Sie war viele Jahre lang Dozentin für [blättert in den Aufzeichnungen] Postcolonial Studies an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, bis zu dem Tag, als ein gut gehütetes Geheimnis über sie gelüftet wurde und diese Enthüllung wie ein Lauffeuer durch die Medien ging. Was genau passiert war und wie sie mit dem anschließenden Shitstorm, der über sie hereinbrach, umging, kann sie uns selbst am besten erzählen. Ich begrüße in meiner Sendung: Saraswati. Schön, dass Sie da sind!

SARASWATI: Vielen Dank für die Einladung!

Weiterlesen »