Ernst Augustin | ROBINSONS BLAUES HAUS

D 2012 | 314 Seiten
C.H.Beck
ISBN: 978-3-406-62996-9

In einer früheren, ferneren Version dieser Geschichte sagt Daniel Defoe, er habe eines der unglaublichsten und abenteuerlichsten Leben gelebt.
Ich sage: Ich auch. (Seite 5)

Normalerweise beginne ich meine Rezensionen mit einer Art Inhaltsabgabe. Aber was, wenn sich mir der Inhalt eines Romans von Anfang bis Ende verschließt? Versteht mich bitte nicht falsch: Dieses Buch ist genial! Es ist großartig geschrieben und hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen. Aber worum es wirklich geht? Ich muss ganz ehrlich sein: Ich habe keine Ahnung.

Ich kann eigentlich nur etwas über den Stil sagen, über den Ton, der hier angeschlagen wird, und der ist – um es in einem geradezu unwürdigen Wort auszudrücken – grandios. Aber einen Versuch ist es wert: Da ist also dieser Mann (nennen wir ihn Robinson), der seinen ganz persönlichen Freitag im Internet findet, dem er seine Lebensgeschichte erzählt (oder beichtet?). Dieser Robinson wird Erbe eines großen Vermögens, macht sich damit die Welt zum Untertan und ist somit seit seinen Kindheitstagen auf der Flucht. Zunächst vor den Schlägertypen seiner Parallelklassen, später vor dem Feind an sich – denen, die ihn berauben wollen – und schließlich vor dem Tod höchstpersönlich. Die Schauplätze sind über die ganze Welt verteilt: London, New York, die pazifischen Königreiche, und immer wieder – gleich bei mir umme Egge – das mecklenburgische Grevesmühlen. Das komplette Buch ist im Grunde genommen eine in perfekte Prosa gegossene Paranoia, die sich jeder ernst gemeineten Wiedergabe entzieht.

Aber vielleicht geht es dem Autor auch gar nicht um einen handfesten und nacherzählbaren Plot. (Ich habe schon einige seiner Romane gelesen – Augustin ist in Rostock kein Unbekannter – und kann sagen, seine Bücher haben immer eine gewisse Unschärfe.) Ist das nun eine Lebensgeschichte? Oder ein Krimi? Oder gar ein Coming-Out? Diese verdammten Schubladen! Eines ist sicher: Ernst Augustin ist ein brillanter Schriftsteller, der es versteht, Ängste und Emotionen aller Art in Sätze zu bannen, die ihresgleichen suchen. Eigentlich schmeiße ich Bücher, deren Inhalt oder Ziel sich mir nach spätestens einem Drittel nicht erschließen, einfach gegen die Wand. Hier aber war ich gefangen – vom Witz, von der Kunstfertigkeit, von der überbordenen Fabulierlust. Die letzten 120 Seiten habe ich in einen Rutsch durchgelesen und war wie erschlagen von der Wucht der Sätze, die mir Augustin da um die Ohren (besser: Augen) haut. Man bedenke: Als der Roman veröffentlicht wurde, war der Autor über achtzig und nahezu blind!

Ein unfassbar fesselnder Roman, auch wenn ich ihn – da bin ich ganz ehrlich – kaum verstanden habe. Aber genug: Jetzt habe ich Lust auf Grießbrei…


ROBINSONS BLAUES HAUS ist beim Verlag EA-RBHC.H.Beck erschienen; die Taschenbuchausgabe gibt’s beim dtv. Alle weiteren Information findet Ihr auf der Verlagsseite. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

Steven Uhly | GLÜCKSKIND

D 2012 | 256 Seiten
Secession Verlag
ISBN: 978-3-905951-16-5

Wieder so ein Scheißtag. (Seite 7)

Hans – ein erwerbsloser Endfünfziger, der schon vor Jahren von seiner Familie verlassen wurde und seitdem eifrig an seiner Verwahrlosung arbeitet – staunt nicht schlecht, als er eines Tages ein Baby in einer Mülltonne findet. Er nimmt es mit in seine armselige Wohnung und so beginnt für ihn ein neues Leben. Er schneidet sich die speckige Matte, trennt sich von seinem Karl-Marx-Bart, räumt die Wohnung auf und macht Schluss mit dem Saufen. Sein spärliches Hartz-IV-Geld gibt er jetzt für das Mädchen aus, das er Felizia nennt: »Die Glückliche«. Doch schon bald fragt man sich, wer hier das eigentliche Glückskind ist.Weiterlesen »

Verena Stauffer | ORCHIS

A 2018 | 256 Seiten
Kremayr & Scheriau
ISBN: 978-3-218-01104-4

Das Erwachen auf dem Schiff nach wochenlanger Überfahrt glich dem Auftauchen eines Kugelfischs aus schwarzen Meeresgründen in leuchtende Korallenriffe. (Seite 7)

Mitte des 19. Jahrhunderts macht sich der aufstrebende Botaniker Anselm auf die gefährliche Reise nach Madagaskar, um in den Wäldern des abgeschotteten Inselreiches als Erster eine Sternorchidee zu beschreiben und nach Europa zu überführen. Nach einer beschwerlichen Suche voller körperlicher Entbehrungen findet er die seltene Pflanze im Überfluss, nimmt sich so viele Exemplare, wie er tragen kann und beginnt die Rückreise. Doch bei der Überfahrt gerät das Schiff in einen schweren Sturm und er verliert seine kostbare Fracht an den Ozean.Weiterlesen »

Endspurt zum Skoutz-Award 2018

Hier mal ein Beitrag in eigener Sache: Im März, pünktlich zur Leipziger Buchmesse, wurde mein Blog Bookster HRO auf die Midlist des Skoutz-Awards 2018 gewählt. Die Überraschung war groß, zumal ich davon erst über Umwege erfahren hatte. Von über 350 Blogs auf der Longlist blieben nach einer Juryauswahl zwölf übrig, von denen schließlich drei auf der Shortlist landen und sich Hoffnungen auf den Skoutz-Award machen können, der dann während der Frankfurter Buchmesse im Oktober vergeben wird. Und genau da kommt IHR ins Spiel…

In dieser Phase des Wettbewerbs brauche ich nämlich Eure Unterstützung: Bis zum 22. Juli könnt Ihr auf der Skoutz-Seite unter der Kategorie „Buchblog“ Eure Stimme abgeben. Folgt hierfür einfach diesem Link. Schaut gerne auch bei den anderen nominierten Blogs vorbei und macht Euch ein Bild von der Konkurrenz, aber natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn Ihr Euren Haken bei Bookster HRO setzt.

Vielen, vielen Dank schonmal im Voraus und die allerbesten Grüße von der Ostsee!
Euer Bookster Stefan

p.s.: Teilen und Weitersagen ausdrücklich erwünscht!

Simone Hirth | BANANAMA

A 2018 | 192 Seiten
Kremayr & Scheriau
ISBN: 978-3-218-01103-7

Ich bin nackt. Es ist Sommer, Nachmittag, und so heiß, dass man selbst im Schatten des Walnussbaums nicht friert. Ich erweitere meinen Friedhof. (Seite 9)

Oh, wie schön ist Bananama! Für die dreiköpfige Austeigerfamilie ist das kleine, schlichte Haus am Waldrand das Paradies. Genauso hat es sich der Vater immer vorgestellt: Eigens geerntetes Obst und Gemüse, Wasser aus dem eigenen Brunnen, Energieverbrauch nahe Null, ein Leben mit dem kleinstmöglichen biologischen Fußabdruck, fernab der geldgeilen Gesellschaft, die nur noch Konsum und Zerstreuung im Kopf hat. Doch auch ein antikapitalistischer Lebenswandel will finanziert sein. Das Geld fließt regelmäßig dank einer Erfindung der Mutter, einem tragbareren Sonnenkollektor. Mit dieser Sicherheit im Rücken lebt es sich herrlich im Bananama.Weiterlesen »

Matthew Weiner | ALLES ÜBER HEATHER

USA 2017 | 140 Seiten
OT: »Heather, The Totality«
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Rowohlt Hundert Augen
ISBN: 978-3-498-09463-8

Mark und Karen Breakstone hatten eher spät geheiratet. (Seite 11)

Den Breakstones geht’s gut. Sie sind finanziell abgesichert, haben eine Traumwohnung in Manhattan und mit Heather eine wunderschöne Tochter, die mit ihren blauen Augen alle verzaubert. Doch mit der Pubertät kommen die Probleme: Heather und ihre Mutter leben sich auseinander und Vater Mark entwickelt eine krankhafte Angst um seine Tochter. In seinen Tagträumen sieht er sie ständig in die schlimmsten Sexualverbrechen verwickelt. Einer der Bauarbeiter, die gerade das Wohnhaus sanieren, hat anscheinend ein Auge auf Heather geworfen, was Marks Sorgen nur noch verschlimmert.Weiterlesen »

Nell Leyshon | DIE FARBE VON MILCH

UK 2013 | 207 Seiten
OT: »The Colour of Milk«
Aus dem Englischen von Wiebke Kuhn
Julia Eisele Verlag
ISBN: 978-3-96161-000-6

Dies ist mein Buch und ich schreibe es eigenhändig. (Seite 7)

England im Jahre 1830. Mary ist die vierte und jüngste Tochter eines armen Bauern, der mit seiner Mädchenschar nicht gerade glücklich ist. Die Arbeit ist hart, die Zeiten sind finster – mit vier Söhnen wäre er besser dran. Hinzu kommt, dass Mary mit ihrem verkrüppelten Bein kaum für die schwere Landarbeit geeignet ist. Aber sie hat Grips, ist blitzgescheit und nicht auf den Mund gefallen. Eines Tages verschachert der Vater seine Jüngste für ein paar Kröten an den Gemeindepfarrer, bei dem sie sich um dessen kränkliche Frau kümmern soll.Weiterlesen »