Cormac McCarthy | DER PASSAGIER & STELLA MARIS

USA 2022 | 528 & 240 Seiten
OT: »The Passenger« & »Stella Maris«
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl & Dirk van Gunsteren
Rowohlt Verlag
ISBNn: 978-3-498-00337-1

978-3-498-00336-4

In der Nacht hatte es leicht geschneit, und ihr gefrorenes Haar war golden und kristallen, ihre Augen starr, kalt und hart wie Steine.

(DER PASSAGIER, Seite 5)

Hallo. Ich bin Dr. Cohen.

(STELLA MARIS, Seite 7)

Was hatte ich mich gefreut, als ich hörte, dass es von Cormac McCarthy nach langer Schaffenspause endlich wieder etwas zu lesen geben wird. Nach seinen weltweiten Bestsellern KEIN LAND FÜR ALTE MÄNNER und DIE STRASSE – beide nicht weniger erfolgreich verfilmt – war es ruhig geworden um den Godfather of Neo-Western. Ein Theaterstück, ein Hollywood-Drehbuch, ein Essay – das ist das schmale Œuvre aus sechzehn langen Jahren. Und jetzt, im hohen Alter von fast Neunzig, gleich zwei neue Romane! Nun steht seine Dilogie ausgelesen bei mir im Schrank und ich bin … verwirrt. Nur, ob auf die gute oder schlechte Art, da bin ich mir noch unschlüssig.

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Wlada Kolosowa | DER HAUSMANN

D 2022 | 320 Seiten
Leykam Verlag
ISBN: 978-3-7011-8253-4

In der ersten Nacht starb draußen ein Tier.

(Seite 04)

Ganz besonders gern lese ich Bücher, die im Erzählen neue oder andere Wege gehen, bei denen die Geschichte nicht nur in einfacher Prosa daherkommt, sondern auch formal Grenzen auslotet. DER HAUSMANN von Wlada Kolosowa gehört auf jeden Fall in diese Kategorie, ein Buch, das mich gleich auf den ersten Blick in seinen Bann ziehen konnte.

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Donald Antrim | AN EINEM FREITAG IM APRIL

USA 2021 | 160 Seiten
OT: »One Friday in April: A Story of Suicide and Survival«
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-00171-1

An einem Freitag im April 2006 verbrachte ich den Nachmittag und den Abend damit, dass ich auf dem Dach des Apartmenthauses in Brooklyn, in dem ich wohne, hin und her tigerte, die Feuertreppe hinunterstieg, mich mit den Händen ans Geländer hängte, dann mit schmerzenden Handflächen wieder hinaufstieg, mich zusammengerollt oder auf dem Rücken oder dem Bauch ausgestreckt aufs Dach legte und dabei vielleicht verstohlen über die Dachkante spähte.

(Seite 9)

Zu meinen ganz großen persönlichen Entdeckungen der letzten Jahre gehört Donald Antrim, dessen Romane ich 2016 sämtlichst verschlungen habe … ist das echt schon sechs Jahre her? Nach seinem letzten längeren Text MUTTER (2006) erschien 2016 ein vielbeachteter Band mit gesammelten Kurzgeschichten aus gut fünfzehn Jahren. Dann wurde es – zu meinem großen Bedauern – ruhig um Antrim. Ich las über ihn, dass er als Dozent für Literatur an einem New Yorker College arbeite – da bleibt halt nicht viel Zeit zum Schreiben. Doch nun, nach der Lektüre von AN EINEM FREITAG IM APRIL, kann ich mir die Funkstille besser erklären…

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Kurt Vonnegut | SCHLACHTHOF 5 (Graphic Novel)

USA 1969/2020 | 192 Seiten
OT: »Slaughterhouse-Five«
Text von Ryan North | Illustriert von Albert Monteys
Übersetzt von Matthias Wieland
Cross Cult Verlag
ISBN: 978-3-96658-504-0

All dies erlebte Kurt wirklich – mehr oder weniger.

(Seite 9)

Genau heute, am 11. November 2022, hätte der amerikanische Autor Kurt Vonnegut seinen hundertsten Geburtstag feiern können, wäre er 2007 nicht die Treppe heruntergestürzt und an den davongetragenen Kopfverletzung gestorben – so ist das. Da mir dieser Autor sehr wichtig ist – und ich das Gefühl habe, dass er hierzulande gerade noch so viel Aufmerksamkeit bekommt, um nicht vollends in Vergessenheit zu geraten –, habe ich mir gedacht, ich präsentiere mal ein kleines Special zu diesem wahrhaft fantastischen Schriftsteller.

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Ian McEwan | LEKTIONEN

UK 2022 | 720 Seiten
OT: »Lessons«
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-07213-6

Dies war die Erinnerung eines Schlaflosen, kein Traum.

(Seite 11)

(Notiz an mich selbst: Überdenke dringend deine Haltung gegenüber Ian McEwan!)
Ich habe keine Ahnung warum, aber Ian McEwan packe ich seit Jahren in die Kategorie Landadel-Herzschmerz-Drama, dabei kenne ich nur zwei seiner Romane. DER ZEMENTGARTEN – gelesen mit Anfang zwanzig – fand ich großartig, kurz darauf dann ABBITTE, bei dem ich mich fast zu Tode gelangweilt habe. Das ist über zwanzig Jahre her und seitdem habe ich kein Buch von McEwan mehr angefasst – ein wohl sehr großes Versäumnis, wie mir nach der Lektüre seines neusten Romans LEKTIONEN langsam klar wird, denn was der englische Bestseller-Autor hier auf über siebenhundert Seiten bietet, ist Belletristik auf allerhöchstem Niveau. Genau für solche Geschichten scheint der Begriff Roman erfunden worden zu sein.

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Gregor Sander | LENIN AUF SCHALKE

D 2022 | 187 Seiten
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60187-6

Irgendwo zwischen Hannover und Bielefeld öffne ich die erste Flasche Bier.

(Seite 7)

Roald Amundsen erreichte als erster Mensch den Südpol, Amelia Earhart flog allein über den Atlantik und Reinhold Messner bestieg alle Achttausender der Erde. In diese Reihe mutiger Reisender können wir nun mit Fug und Recht Gregor Sander stellen, denn er war an einem Ort, den niemand aus freien Stücken aufsucht: Gelsenkirchen – der »Osten des Westens«, die Stadt Deutschlands mit dem geringsten Pro-Kopf-Einkommen und der größten Arbeitslosenquote, eine seit der Stilllegung der letzten Bergbauzechen vernachlässigte, geradezu moribunde Stadt. An diesen trostlosen Ort zog es den Autor aus dem hippen Berlin – und damit wir nicht selbst dort hinfahren müssen, hat er mit LENIN AUF SCHALKE ein Buch über seine Reise geschrieben.

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Elisa Levi | ANDERES KENNE ICH NICHT

E 2021 | 198 Seiten
OT: »Yo no sé de otras cosas«
Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt
Trabanten Verlag
ISBN: 978-3-98697-001-7

Anderes kenne ich nicht, sage ich zu ihm, aber diesen Weg kenne ich, und der führt nur in den Wald.

(Seite 9)

… und einmal, da saß ich auf einem Bahnhof fest, ist noch gar nicht so lange her, ein paar Wochen vielleicht, nicht mehr ganz Sommer, aber auch noch lange nicht Herbst. Das war auf so einem kleinen Bahnhof in der Mecklenburger Pampa, einem von der Sorte, bei dem man froh sein kann, dass es Bänke gibt, falls der Zug mal Verspätung hat. Und die hatte er an jenem Tag, und zwar ordentlich. Über eine Stunde saß ich da auf der Bank und hab gewartet, schön nach Feierabend noch mal unbezahlte Überstunden machen. Naja, eigentlich bin ich nicht so von der Meckerbrigade; ich sage mir immer: »Was auch kommt, wenn Du ein Buch dabei hast, kann es nicht so schlimm werden.« Das Wetter passte, ein Buch hatte ich natürlich parat und für einen Kaffee aus dem Automaten hätte es auch noch gereicht… wenn es denn einen Automaten gegeben hätte, aber was soll’s, man kann nicht alles haben.

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Daniela Dröscher | LÜGEN ÜBER MEINE MUTTER

D 2022 | 448 Seiten
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00199-0

Meine Mutter passt in keinen Sarg.

(Seite 5)

Der Hunsrück in den 1980er Jahren. Die junge Ela wächst mit ihren Eltern in einem kleinen Dorf auf. Der Familie geht es eigentlich nicht schlecht, aber den Wünschen des Vaters nach ginge da noch einiges mehr. Auf der Karriereleiter sind noch viele Sprossen nach oben offen, doch irgendwie will es mit den Beförderungen nicht klappen. Und als tadelloser Patriarch weiß er auch schon, an wem das liegt: ganz klar und ohne Zweifel an seiner Frau. Diese ist nämlich zu dick – so des werten Herrn Vaters Überzeugung. Durch ihre Fettleibigkeit nähme sein Ansehen in der Gemeinde Schaden, könne er sich in der Öffentlichkeit nicht zeigen und blieben ihm Aufstieg und Ruhm verwehrt.

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Kim de l’Horizon | BLUTBUCH

CH 2022 | 336 Seiten
DuMont Verlag
ISBN: 978-3-8321-8208-3

Beispielsweise habe ich »es« dir nie offiziell gesagt.

(Seite 9)

Zu den inhaltlich schillerndsten und stilistisch einfallsreichsten Neuerscheinungen in diesem Jahr zählt ohne Zweifel Kim de l’Horizons autofiktionaler Roman BLUTBUCH. Hierin wird in zahlreichen Rückblenden das Heranwachsen einer nonbinären Ich-Erzählfigur in einem heruntergekommenen Schweizer Vorort geschildert, die schließlich – emanzipiert und selbstbewusst – während des Sterbeprozesses der Großmutter über die Familiengeschichte und die eigene Rolle in der Welt sinniert.

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Marcus Fischer | DIE ROTTE

A 2022 | 282 Seiten
Leykam Verlag
ISBN: 978-3-7011-8251-0

Weil man bei einer jungen Frau immer fragt, warum.

(Seite 6)

Ich sitze ein wenig in der Klemme. Der Deal beim Buchbloggen ist ja: Ich bekomme ein Exemplar eines Buches, der Verlag bekommt dafür eine Rezension. Ob die Besprechung nun positiv, negativ oder durchwachsen ausfällt, ist dabei nebensächlich, Hauptsache das Buch wird besprochen. Nun habe ich aber mit DIE ROTTE ein Buch erwischt, bei dem sich bei mir gar nichts tut. Ich habe es gelesen, viele Stellen sogar mehrmals, aber es hat sich bei mir nichts gerührt. Ich fand es weder gut noch schlecht, kann es nicht loben aber auch nicht verreißen. Ich habe es eine Woche liegen gelassen, damit sich die Lektüre irgendwie in mir legt, sich auf eine Art ordnet, damit ich sie bewerten kann. Dann habe ich in dem Buch geblättert und konnte mich an nichts mehr erinnern. Es ist nichts hängen geblieben… O Mann, was mache ich denn nur mit so einem Ausreißer?

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