Albrecht Selge | FLIEGEN

D 2019 | 172 Seiten
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0067-0

Nullkommanull, um genau zu sein. (Seite 7)

Eine ältere Frau, die sich von ihrer mickrigen Rente keine Wohnung leisten kann, kauft sich stattdessen eine BahnCard 100 und steigt um – vom herkömmlichen Leben in der Zivilisation in die permanente Bewegung der ICEs. Die Frau lebt in den Zügen, fährt immer der Nase nach quer durch die Republik, liest Bücher aus den öffentlichen Regalen, sinniert, lernt Mitreisende kennen und erlebt gutes und schlechtes. Finanziert wird das Ganze durch Flaschensammeln, gewaschen wird sich auf der Bordtoilette und wenn der Zug mal Verspätung hat, gibt’s Gutscheine fürs Bordbistro.

Seit anderthalb Jahren ist sie schon unterwegs und immer wieder tauchen die Erinnerungen an ihr altes Leben auf; an ihren Mann, ihre Freundin, ihren Beruf. Es wird klar, dass der Entschluss, auf der Schiene zu leben, nicht nur finanzielle Gründe hat. Es ist auch ein Aussteigen, eine Verweigerung gegen das soziale Standardmodell. Doch wird durch so einen Lebenswechsel irgendetwas besser? Man lässt sich selbst ja nicht zurück – egal wohin du gehst, du gehst immer mit.


Die Sprache, mit der Albrecht Selge (*1975 in Heidelberg) seine namenlose Heldin begleitet, besticht durch einen hohen Grad an Poesie und einer recht eigenwilligen Grammatik. Die Sätze wirken ruhelos, schneiden assoziativ Themen an und lassen sie wieder fallen. Dieser irrlichterne Sound passt gut zum Motiv des ewigen Herumfahrens, des Nichtankommens, verlangt aber auch einiges an Konzentration. Es gibt grandiose Szenen, wenn die Reisende beispielweise völlig übermüdet die Lektüren von W. G. Sebalds AUSTERLITZ und den DREI ??? durcheinanderbringt. Die wahre Geschichte der Frau jedoch entblättert sich nur zäh zwischen all den Zufallsbekanntschaften und Zuganekdoten, was den Reiz der Story leider erheblich entschärft.

Auch fehlten mir persönlich die geografischen Verortungen der Reise. Es werden immer nur die Zugnummern genannt, aber nie, durch welche Städte sie fahren. Es werden Landschaften beschrieben, aber nie benannt. Sicher war das die Absicht des Autors, denn dadurch entsteht jene Ortlosigkeit, die der Reisenden so wichtig ist. Es soll eben kein Roadmovie sein, der Zug allein ist Ort des Geschehens, verstehe schon. Dennoch denke ich, dass dem Roman auf diese Weise etwas verloren geht.

Am Ende muss ich sagen, dass sich die Reise nicht gelohnt hat. Das Schiksal der Heldin hat mich erstaunlich kalt gelassen, und viele der Anekdoten sind redundant und wirken wie Füllmasse, um dem ohnehin schon schmalen Band den Status eines Romans geben zu können. Vielleicht wäre die Form einer Erzählung oder einer Novelle die bessere Wahl gewesen. Als Zuglektüre für den ICE 1085 (Hamburg-München) ist FLIEGEN gerade noch zu empfehlen, die große Erleuchtung ist aber nicht zu erwarten.


u1_978-3-7371-0067-0FLIEGEN erschien beim Verlag Rowohlt Berlin, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Alle Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet Ihr hier.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

3 Gedanken zu “Albrecht Selge | FLIEGEN

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