Pascal Mercier | NACHTZUG NACH LISSABON

D 2004 | 495 Seiten
btb Verlag
ISBN: 978-3-442-73436-8

INAHLT: Der Berner Lateinlehrer Raimund Gregorius steht nach einer mysteriösen Begegnung mit einer portugiesischen Unbekannten mitten im Unterricht einfach auf, verlässt die Klasse, die Stadt und das Land und macht sich auf nach Lissabon. Im Gepäck hat er die Aufzeichnungen eines gewissen Amadeu de Prado, deren Texte ihm bisher unbekannt waren, ihm aber so wichtig werden, dass er alles über diesen bemerkenswerten Schriftsteller erfahren will. In Lissabon folgt er einer Spur nach der anderen, bis sich ihm ein umfassendes Bild der Zeit des Salazar-Regimes eröffnet. Und auch Gregorius selbst macht tiefgreifende Veränderungen durch, die Seiten in ihm öffnen, von denen er vorher gar nichts wusste.

FORM: Zunächst einmal – der Roman ist hocheloquent. Jeder Satz ist perfekt geschliffen, jedes Wort mit größter Sorgfalt gewählt. Mercier, im wirklichen Leben Philosophieprofessor, kann Sätze von wahrhaftiger Schönheit zu Papier bringen … aber leider war’s das dann auch schon. Die Figuren sind und bleiben flach und ihre Taten kaum nachvollziehbar, alles ist ebenso stocksteif wie die Hauptfigur Gregorius, der mir über die ganze Strecke von knapp 500 Seiten nicht einen Deut sympathisch wurde. Es fehlt vorn und hinten an Humor, oder zumindest an einer Art Lockerheit, die über den staubtrockenen Stoff hinweghilft. Selbst die wörtliche Rede klingt bei Mercier wie ein Leitartikel aus einer Philosophiezeitschrift.

Das größte Manko jedoch: Man hört den Autor aus jedem Satz heraus! Ein guter Schriftsteller lässt seinen Leser vergessen, dass die Welt, in die er ihn eintauchen lässt, nur seinem Geist entsprungen ist. Bei Merciers Sätzen hatte ich immer dieses Bild vom edlen Professor im Kopf, in seiner Schreibstube mit Federkiel und Cognacschwenker. Als sei jeder Satz von Mercier signiert und gestempelt. Ich komme nicht umhin anzunehmen, dass dieser Mann sich selbst sehr gerne reden hört, was ihn mir (ohne dass ich das genau weiß (oder wissen will)), sehr unsympathisch macht. Diesen kurzen Texten Amadeu de Prados beispielsweise, die über das ganze Buch verstreut sind, ist die Autorenschaft so deutlich anzumerken, dass man sich fragt: Warum hat Mercier nicht einfach eine Sammlung seiner philosophischen Kurzprosa veröffentlicht? Warum musste er diesen ganzen Lissabon-Plot drum herumbasteln? Und wenn in dem Roman diese Texte dann (von Mercier selbst) auch noch »mit der Wortgewalt und stilistischen Eleganz Ciceros« verglichen werden, kommt mir vor Ekel die Galle hoch.

FAZIT: Große Gedanken unterliegen großer Selbstverliebtheit – zwei Sterne.

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