Nell Leyshon | DIE FARBE VON MILCH

UK 2013 | 207 Seiten
OT: »The Colour of Milk«
Aus dem Englischen von Wiebke Kuhn
Julia Eisele Verlag
ISBN: 978-3-96161-000-6

Dies ist mein Buch und ich schreibe es eigenhändig. (Seite 7)

England im Jahre 1830. Mary ist die vierte und jüngste Tochter eines armen Bauern, der mit seiner Mädchenschar nicht gerade glücklich ist. Die Arbeit ist hart, die Zeiten sind finster – mit vier Söhnen wäre er besser dran. Hinzu kommt, dass Mary mit ihrem verkrüppelten Bein kaum für die schwere Landarbeit geeignet ist. Aber sie hat Grips, ist blitzgescheit und nicht auf den Mund gefallen. Eines Tages verschachert der Vater seine Jüngste für ein paar Kröten an den Gemeindepfarrer, bei dem sie sich um dessen kränkliche Frau kümmern soll.

Beim Pfarrer und der Missus findet Mary mit ihrer Bauernschläue und ihrer direkten Art schnell Anklang, die Pfarrersfrau schöpft durch Marys Pflege sogar wieder neuen Lebensmut und scheint zu gesunden. Doch im Laufe des Jahres erliegt sie schließlich ihrem Leiden und Mary bleibt allein mit dem Geistlichen zurück im Herrenhaus. Dieser erkennt das Potenzial Marys und bringt ihr mit der Bibel Lesen und Schreiben bei. Mary ist eine gute Schülerin, doch der Preis, den sie für dieses Wissen zahlen muss, ist hoch.


Nell Leyshon (*1962) hat mit ihrer Mary eine Romanfigur geschaffen, wie sie einem selten unterkommt. Ein Plappermaul sondergleichen, voller Sarkasmus, das nicht davor zurückschreckt, ihn einzusetzen, sei es nun vor den Lakaien oder den Hohen Herren. Und gerade, wenn wir Leser dieses Mädchen endgültig ins Herz geschlossen haben, zieht Leyshon die Daumenschrauben an und lässt Mary leiden, immer tiefer gleiten in eine Spirale aus Gewalt und Abhängigkeit. Die Atmosphäre wird – parallel zum Wetter draußen vor dem Pfarrhaus – immer kühler, frostig, eisig.

Mit ihrer scheinbar einfachen Geschichte macht Leyshon gleich mehrere Fässer auf: Die Unterdrückung der Frau, die Zwei-Klassen-Gesellschaft, sexueller Missbrauch in der Kirche, gleicher Zugang zu Bildung für alle. Damit wählt sie Themen, die auch fast zweihundert Jahre nach der eigentlichen Handlungszeit nichts an ihrer Brisanz eingebüßt haben. (Wie nennt man so etwas? Historische Gegenwartsliteratur?) Jedenfalls spürt man bei jeder Ungerechtigkeit, die Mary widerfährt, einen kühlen Fingerzeig auf unsere heutigen Probleme und Debatten, was gut und wichtig ist.

Was beim Lesen sofort auffällt, ist der stümperhafte Schreibstil. Die konsequente Missachtung der Kommaregeln und dass gefühlt jeder zweite Satz mit »Und dann…« beginnt, sind nur zwei der textlichen Eigenheiten. Aber es steckt eine Absicht hinter diesem Duktus, denn wie gleich im ersten Satz bemerkt wird, schreibt die ungebildete Mary dieses Buch, und die ist weit davon entfernt, eine sprachmächtige Schriftstellerin zu sein – ganz im Gegenteil. Aber nach und nach überliest man die Fehler, freundet sich irgendwie mit den holprigen Sätzen an und am Ende sieht man den Roman sogar als Marys Meisterstück an – und das völlig zu Recht.


3D_LeyshonDIE FARBE VON MILCH ist im Eisele Verlag erschienen. Alle weiteren Informationen über Buch und Autor findet Ihr auf der Verlagsseite. Durch die Rezension im Buchrevier bin ich auf den Titel aufmerksam geworden; danke dafür! Weitere Besprechungen lest Ihr unter anderem bei umgeBUCHt, Inkunabel und beim Bücherkompass. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

2 Gedanken zu “Nell Leyshon | DIE FARBE VON MILCH

  1. Juhu, ich freue mich immer, wenn auch andere sich für die gleichen Bücher begeistern können! Und ich lese, wir sind uns durchaus einig.
    Danke dir für das Verlinken und liebe Grüße in die Heimat 🙂

    P.S. Ich hab das Buch übrigens bei meinem Buchhändler des Vertrauens erstanden, ein kleiner Selbstständiger, dessen Buchtipps mit Gold aufgewogen werden könnten 😉

    Gefällt 1 Person

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