Helene Bukowski | DIE KRIEGERIN

D 2022 | 256 Seiten
Blumenbar Verlag
ISBN: 978-3-351-05107-5

Lisbeth schreckte auf.

(Seite 9)

Eine junge Frau – Lisbeth – flieht von jetzt auf gleich vor ihrem Leben. Sie lässt Mann und Kind beim Abendessen einfach sitzen, fährt ohne ein Wort der Erklärung von Berlin an die Ostsee und verbarrikadiert sich in den Dünen in einem Bungalow, in dem sie schon als Kind ihre Urlaube verbrachte. Was Lisbeth zu dieser Handlung trieb, erzählt Helene Bukowski in ihrem zweiten Roman DIE KRIEGERIN.

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Andreas Schäfer | DIE SCHUHE MEINES VATERS

D 2022 | 208 Seiten
DuMont Verlag
ISBN: 978-3-8321-8258-8

An einem regnerischen Sonntagnachmittag verlor ich das Gesicht meines Vaters.

(Seite 7)

Vor ein paar Jahren kam Andreas Schäfer in eine Situation, die man niemandem wünscht: Er musste entscheiden, ob die Maßnahmen, die seinen komatösen Vater am Leben hielten, abgeschaltet werden sollten oder nicht. Dass es bei solch einer Wahl weniger um das Wohl des Patienten geht, als vielmehr um einen erbitterten Kampf mit sich selbst, liegt auf der Hand. Wann ist man schon bereit, jemanden für immer gehen zu lassen? Von dieser existenziellen Erfahrung handelt Schäfers berührender Roman DIE SCHUHE MEINES VATERS.

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Steffen Mensching | HAUSERS AUSFLUG

D 2022 | 249 Seiten
Wallstein Verlag
ISBN: 978-3-8353-5305-3

Hauser hatte seine Lage im Augenblick des Erwachens durchschaut.

(Seite 5)

(Stimme aus dem Off:) »Also jetzt gehen die ja wohl wirklich zu weit! Kannst du dir das vorstellen? Da gibt’s doch tatsächlich so ’ne Firma, die ’ne Kiste erfunden hat, mit der man Flüchtlinge ohne Aufenthaltsgenehmigung in ihre vom Krieg zerrütteten Herkunftsländer zurückbefördern kann. Sowas hab ich ja noch nicht gehört! Da stockt mir ja der Atem! Diese armen Leute werden gegen ihren Willen betäubt, in diese Alu-Särge gesteckt und per Flugzeug über der Wüste abgeworfen. Das ist doch nicht mehr normaaal! Mit so ’nem Fallschirm trudeln die da vom Himmel, haben in der Kiste nur so ’n billiges Notfallpaket und wenn die aufwachen, müssen se zusehen, wie se klarkommen. Also da platzt mir ja echt der Kragen! Und die Regierung spielt da einfach so mit, während der Firmenboss Millionen scheffelt, Schampus säuft und sich die Eier schaukelt? Dieses Mistschwein müsste man mal in eine seiner Kisten da einsperren und in so ein Krisengebiet ballern, da könnte er mal sehen, wie das ist…« – Wunsch erfüllt!

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Esther Becker | WIE DIE GORILLAS

D 2021 | 160 Seiten
Verbrecher Verlag
ISBN: 978-3-95732-470-2

Zu viert müssen sie mich festhalten. Vielleicht auch zu fünft.

(Seite 9)

Esther Beckers Debütroman, der das Erwachsenwerden junger Frauen zum Thema hat, beginnt hart und eindrücklich mit mit einem Übergriff. Was zunächst nach einer Gruppenvergewaltigung klingt, entpuppt sich nach wenigen Absätzen als ärztliche Verabreichung von Augentropfen mit starker Gegenwehr des Kindes. »Achso«, denkt man und wischt sich den Schweiß von der Stirn, »dann ist es ja nicht so schlimm.« – Aber ist es das wirklich nicht? Es folgen weitere Episoden, die sich in den ersten Zeilen härter lesen, als sie am Ende eigentlich sind. Und vielleicht muss man hier und da sogar ein wenig schmunzeln, weil man an die eigene Jugend zurückdenkt, an die eigenen Macken und Verfehlungen in dieser verrückten Zeit, in der man kein Fettnäpfchen ausgelassen hat. Doch beim Lesen von WIE DIE GORILLAS merkt man schnell: Dies ist alles andere als ein Buch mit Jugendschwänken aus der guten alten Zeit und zum Lachen ist hier überhaupt nichts.

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Gert Loschütz | BESICHTIGUNG EINES UNGLÜCKS

D 2021 | 334 Seiten
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-157-5

»Nicht deine Zeit.«

(Seite 11)

Als Bahnpendler kenne ich dieses unschöne Gefühl, wenn der Zug auf scheinbar freier Strecke plötzlich ohne Vorwarnung stark abbremst. Eben noch ist alles in bester Ordnung: Du bist noch ein bisschen schläfrig, vielleicht auch etwas verkatert; das tiefe Brummen der Motoren und die leisen Gespräche von der Sitzbank vor dir schenken friedliche Geborgenheit; du willst eigentlich lesen, aber deine Augen fallen immer wieder zu; vor den Fenstern erwacht das Mecklenburger Flachland in nebeligem Dämmerlicht aus seinem Schönheitsschlaf; und deine größte Angst besteht darin, dass du die Haltestelle verpennst.

Und dann ist alles anders: Es kreischt von den Gleisen; es zischt und faucht aus irgendwelchen Maschinen, die hinter Kunststoffpanelen in der Wand versteckt sind; Koffer poltern durch die Gänge; Kaffebecher kippen um und ergießen ihren Inhalt über die Schöße der Reisenden; jemand brüllt laut auf, ob vor Angst, Schmerz oder Schreck, bleibt unklar; und du rutschst im Sitz nach vorn, als hätte Hulk dich geschubst, oder wirst wie von Titanenhand in die Rückenlehne gedrückt, je nachdem wie du dich hingesetzt hast, als noch alles in Ordnung war. Und auch wenn es nur ein paar Sekunden dauert und der Zug die Reise dann fortsetzt, als sei nichts gewesen, bist du hellwach und dir sind in diesen kurzen Momenten hundert Dinge durch den Kopf gegangen. »Ein anderer Zug! Direkt auf uns zu! Genau in uns rein! Hier wird’s gleich eng! Das war’s! Adieu schöne Welt, du warst gut zu mir! Aufprall und Ende in 3… 2… 1…«

Passiert nicht oft, und wenn, dann auch selten so heftig, aber es kommt vor. Eine richtige Vollbremsung mit allem Drum und Dran habe ich nur ein Mal erlebt, InterCity von Bremen Richtung Osnabrück, von 160 auf Null in … keine Ahnung … die Zeit bis zum Stillstand war wahrscheinlich viel länger als ich schätzen würde und deutlich kürzer als sie mir vorkam. Muss ich nicht nochmal haben.

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Judith Hermann | DAHEIM

D 2021 | 192 Seiten
S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-397035-7

Damals, in diesem Sommer vor fast dreißig Jahren, wohnte ich im Westen und weit weg vom Wasser.

(Seite 7)

Je älter man wird, desto länger wird Liste der Gedanken, die mit den Worten beginnen: »Was wäre, wenn ich damals…« Was wäre, wenn ich diesen Menschen damals nicht geheiratet hätte. Wenn ich damals Ja gesagt hätte, oder Nein. Wenn ich damals mitgegangen, oder auch zuhause geblieben wäre. Mich für etwas anderes entschieden hätte. Wie ginge es mir. Wo stünde ich jetzt. Das Leben wäre anders verlaufen, keine Frage. Aber ob besser oder schlechter ist selten klar zu beantworten. Wir versuchen ja alle irgendwie das Beste aus den paar Jahren zu machen, die uns gegeben sind, aber auch wenn wir glücklich sind – wobei Glück für jeden etwas anderes bedeutet –, bleiben diese Gedanken nie ganz aus. Judith Hermann hat mit DAHEIM ein so ruhiges wie eindringliches Buch über jene Phase des Lebens geschrieben, in der wir vieles überdenken.

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Raphaela Edelbauer | DAVE

A 2021 | 432 Seiten
Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-96473-8

Bevor die Pionierlebensform Archea Methanopyri den Kosmos mit ihrer ersten Empfindung aufschloss, hatte 10,2 Milliarden Jahre lang Stille im Universum geherrscht.

(Seite 5)

Irgendwann, in einer – gar nicht so – weit entfernten Zukunft, lebt ein kläglicher Rest der Menschheit in einem riesigen Forschungs- und Laborkomplex, einem völlig autarken Gebäudesystem ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt … das Teil hat noch nicht mal Fenster. Die Erde selbst ist schon lange nicht mehr bewohnbar: Überbevölkerung, Klimakatastrophen und Hungersnöte haben das Leben im Freien unmöglich gemacht. Es entspricht aber seit jeher der Natur des Menschen, Wege zu finden sich anzupassen, der Auslöschung zu entgehen und das Unvermeidliche ein weiteres Mal aufzuschieben. Und wenn es in der realen Welt keine Lösung mehr gibt, muss sie eben in der virtuellen Welt gefunden werden – und hier kommt DAVE ins Spiel…

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Angelika Klüssendorf | VIERUNDDREISSIGSTER SEPTEMBER

D 2021 | 217 Seiten
Piper
ISBN: 978-3-492-05990-9

Sieh mal die Blumen, wollte sie sagen, doch sie tat es nicht.

(Seite 9)

Die Liste mit Romanen, in denen es darum geht, was mit uns nach dem Tod passiert, ist lang. Immer wieder versuchen sich Autorinnen und Autoren auf der ganzen Welt daran, ihre Vorstellung unseres Nachlebens in möglichst formvollendete Prosa zu gießen, sei es auf religiöse, philosophische oder humorvolle Art. Die Gedanken um ein eventuelles Leben nach dem Tod gehören sicher zu ältesten der Menschheitsgeschichte, kein Wunder also, dass jede Menge Geister, Untote und auf ewig wandernde Seelen die Literatur seit Jahrhunderten bevölkern. Zu den jüngeren Ergebnissen schriftstellerischer Arbeit zu diesem Thema zählen unter anderen DAS FELD von Robert Seethaler und LINCOLN IM BARDO von George Saunders, der für seinen Roman 2017 sogar mit dem begehrten Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Nun hat sich Angelika Klüssendorf an diesen nahezu unerschöpflichen Stoff gewagt und präsentiert mit VIERUNDDREISSIGSTER SEPTEMBER ihre ganz eigene Vision des süßen Jenseits.

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Heinrich Steinfest | AMSTERDAMER NOVELLE

D 2021 | 108 Seiten
Piper
ISBN: 978-3-492-07117-8

Wenn gesagt wird, Fotos lügen, dann eigentlich nur, weil wir mit der Wahrheit, die in einem bestimmten Foto steckt, nicht einverstanden sind.

(Seite 5)

Der österreichische Schriftsteller Heinrich Steinfest ist mit den Kriminalromanen um den Privatdetektiv Markus Cheng berühmt geworden. Seine Bücher, die gekonnt den Spagat zwischen Humor und Mystery meistern, begeistern seit Jahren sowohl die Kritik als auch das Publikum. Doch auch die Veröffentlichungen abseits der Kriminalliteratur wurden in der Vergangenheit große Erfolge. Spätestens mit seinem Roman DER ALLESFORSCHER, mit dem er 2014 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, war ihm der Ruf eines ernstzunehmenden Schriftstellers garantiert. Die darauf folgenden Romane, wie DAS GRÜNE ROLLO, DAS LEBEN UND STERBEN DER FLUGZEUGE oder DIE BÜGLERIN waren allesamt große Erfolge. Was viele von Steinfests Geschichten gemein haben, ist ein kleines, aber entscheidendes surreales Element, ein Knick in der Zeit beispielsweise, oder ein Portal zwischen den Dimensionen. Und auch in seinem neuen Buch AMSTERDAMER NOVELLE scheut der Autor nicht davor zurück, dieser altehrwürdigen, aber doch etwas aus der Mode gekommenen Prosaform seinen ganz persönlichen Stempel aufzudrücken.

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Thomas Kunst | ZANDSCHOWER KLINKEN

D 2021 | 254 Seiten
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42992-1

Claasen geht den Weg zu seinem Auto zurück, das er am Anfang der Verlaatstraße in einer Seitengasse abgestellt hat.

(Seite 11)


Da ist also dieser Typ, Bengt Claasen heißt er, der ein neues Leben anfangen will. Wo er damit startet, das überlässt er dem Zufall: Er legt ein Hundehalsband auf das Armaturenbrett seines Autos, fährt ganz langsam und vorsichtig durch die norddeutsche Pampa und wo das Halsband runterfällt, dort will er bleiben. So führt ihn das Schicksal nach Zandschow, irgendwo an der A7, dem nestigsten Nest nördlich der Linie Dortmund-Berlin. Die Leute hier haben nichts zu tun, sind arm und völlig vom hektischen Treiben der Großstädte abgeschnitten. Dennoch bleiben sie, denn sie machen das Beste aus dem, was sie haben, auch wenn das nicht viel ist. 

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