Cormac McCarthy | DER PASSAGIER & STELLA MARIS

USA 2022 | 528 & 240 Seiten
OT: »The Passenger« & »Stella Maris«
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl & Dirk van Gunsteren
Rowohlt Verlag
ISBNn: 978-3-498-00337-1

978-3-498-00336-4

In der Nacht hatte es leicht geschneit, und ihr gefrorenes Haar war golden und kristallen, ihre Augen starr, kalt und hart wie Steine.

(DER PASSAGIER, Seite 5)

Hallo. Ich bin Dr. Cohen.

(STELLA MARIS, Seite 7)

Was hatte ich mich gefreut, als ich hörte, dass es von Cormac McCarthy nach langer Schaffenspause endlich wieder etwas zu lesen geben wird. Nach seinen weltweiten Bestsellern KEIN LAND FÜR ALTE MÄNNER und DIE STRASSE – beide nicht weniger erfolgreich verfilmt – war es ruhig geworden um den Godfather of Neo-Western. Ein Theaterstück, ein Hollywood-Drehbuch, ein Essay – das ist das schmale Œuvre aus sechzehn langen Jahren. Und jetzt, im hohen Alter von fast Neunzig, gleich zwei neue Romane! Nun steht seine Dilogie ausgelesen bei mir im Schrank und ich bin … verwirrt. Nur, ob auf die gute oder schlechte Art, da bin ich mir noch unschlüssig.

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Donald Antrim | AN EINEM FREITAG IM APRIL

USA 2021 | 160 Seiten
OT: »One Friday in April: A Story of Suicide and Survival«
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-00171-1

An einem Freitag im April 2006 verbrachte ich den Nachmittag und den Abend damit, dass ich auf dem Dach des Apartmenthauses in Brooklyn, in dem ich wohne, hin und her tigerte, die Feuertreppe hinunterstieg, mich mit den Händen ans Geländer hängte, dann mit schmerzenden Handflächen wieder hinaufstieg, mich zusammengerollt oder auf dem Rücken oder dem Bauch ausgestreckt aufs Dach legte und dabei vielleicht verstohlen über die Dachkante spähte.

(Seite 9)

Zu meinen ganz großen persönlichen Entdeckungen der letzten Jahre gehört Donald Antrim, dessen Romane ich 2016 sämtlichst verschlungen habe … ist das echt schon sechs Jahre her? Nach seinem letzten längeren Text MUTTER (2006) erschien 2016 ein vielbeachteter Band mit gesammelten Kurzgeschichten aus gut fünfzehn Jahren. Dann wurde es – zu meinem großen Bedauern – ruhig um Antrim. Ich las über ihn, dass er als Dozent für Literatur an einem New Yorker College arbeite – da bleibt halt nicht viel Zeit zum Schreiben. Doch nun, nach der Lektüre von AN EINEM FREITAG IM APRIL, kann ich mir die Funkstille besser erklären…

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Jon Fosse | ICH IST EIN ANDERER

N 2021 | 368 Seiten
OT: »Eg er ein annan. Septologien III-V«
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-02142-9

Und ich sehe mich dastehen und das Bild mit den beiden Strichen anschauen, einer ist lila, einer braun, sie kreuzen sich in der Mitte und ich denke, es ist so kalt in der Stube und es ist zu früh zum Aufstehen, egal, wie spät es ist, also warum bin ich aufgestanden? denke ich und ich mache das Licht in der Stube aus und ich gehe in die Schlafkammer und ich mache dort das Licht aus und ich lege mich wieder ins Bett und wickele mich gut in die Decke…

(Seite 11)
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John Dos Passos | USA-TRILOGIE

USA 1930-36 | 1650 Seiten
bestehend aus den Romanen
DER 42. BREITENGRAD | 1919 | DAS GROẞE GELD
OT: »The 42nd Parallel« | »Nineteen Nineteen« | »The Big Money«
Neu übersetzt von Dirk van Gunsteren und Nikolaus Stingl
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-09560-4

Der junge Mann bewegt sich rasch und allein durch die Menge, die sich in den nächtlichen Straßen verläuft […]

(Seite 13)

Seit meiner letzten Rezension sind ein paar Wochen ins Land gezogen. Der Grund hierfür hat mehr als 1.600 Seiten, wiegt gut zweieinhalb Pfund und handelt von den Geschicken einer Weltmacht zwischen Industrialisierung und Wirtschaftskrise Anfang des 20. Jahrhunderts – ein fetter Brocken also. Seitdem ich mich für amerikanische Literatur interessiere – und das ist nicht erst seit gestern –, stand die USA-TRILOGIE von John Dos Passos (1896-1970) auf meiner Muss-ich-dringend-mal-lesen-Liste ziemlich weit oben und lieferte sich mit William Gaddis‘ FÄLSCHUNG DER WELT und Margaret Mitchells VOM WINDE VERWEHT jahrelang einen erbitterten Kampf um die Tabellenführung. Und dann kam im Frühling die Ankündigung des Rowohlt Verlages, Dos Passos‘ Opus Magnum habe eine Neuübersetzung erfahren, die am 16. Juni erscheinen wird – ausgerechnet an meinem Geburtstag! Na gut, dann war die Sache ja klar, welchen Klassiker ich bald von der Liste werde streichen können.

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Jon Fosse | DER ANDERE NAME

NO 2019 | 475 Seiten
OT: »Det andre namnet. Septologien I-II«
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt Henkel
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-02141-2

Und ich sehe mich dastehen und das Bild mit den beiden Strichen anschauen, einer ist lila, einer braun, sie kreuzen sich in der Mitte, ein längliches Bild, und ich sehe, dass ich die Striche langsam und mit dicker Ölfarbe gemalt habe, und sie hat getropft und wo die braune und die lila Linie einander kreuzen, mischt die Farbe sich schön und tropft herab und ich denke, das ist kein Bild, aber zugleich ist das Bild genau, wie es sein soll … (Seite 11)

…denn manchmal gibt es auch Bücher, die genau so sein sollen, wie sie sind, obwohl sie eigentlich recht unbequem zu lesen sind, denke ich, und man immer wieder aufs Neue den Lesefluss suchen muss, jeden Tag und immer wieder, aber wenn man erstmal wieder eine paar Zeilen gelesen hat, kommt der Fluss von ganz allein, er stellt sich ein, ganz automatisch, wie wenn du in einen echten Fluss steigst, Weiterlesen »

Ernest Hemingway | IN EINEM ANDEREN LAND

USA 1929 | 394 Seiten
OT: »A Farewell to Arms«
Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Rowohlt Verlag
978-3-498-03019-3

Im Spätsommer dieses Jahres waren wir in einem Haus in einem Dorf mit Blick über den Fluss und die Ebene zu den Bergen. (Seite 9)

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass sich in vielen Jahren rund ein Dutzend Hemingway-Bücher in meinem Regal angesammelt hat, ich aber erst zwei davon gelesen habe. Jetzt,  im Hemingway-Jubiläumsjahr – er wäre 120 Jahre alt geworden –, möchte ich endlich ein paar Bildungslücken schließen und habe dafür seinen zweiten Roman IN EINEM ANDEREN LAND auserkoren, der zuletzt in einer Neuübersetzung bei Rowohlt erschienen ist.Weiterlesen »

Donald Antrim | MUTTER

USA 2006 | 232 Seiten
OT: »The Afterlife: A Memoir«
aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl
Rowohlt
ISBN: 978-3-499-29027-5

Meine Mutter Louanne Antrim starb an einem schönen Sonntagmorgen im Monat August des Jahres 2000. (Seite 7)

Donald Antrims Mutter war eine Frau, die immer das Maximum verlangte – von ihren Männern, ihren Kindern, ihrem Körper und vom Leben selbst. Sie rauchte wie ein Schlot und trank wie ein Loch, lebte und liebte permanent an der Grenze zur Selbstzerstörung. Sie hielt sich für eine Künstlerin, ihrer Zeit weit voraus, sprach mit Geistern und wähnte sich als höheres Wesen. Weiterlesen »

Albrecht Selge | FLIEGEN

D 2019 | 172 Seiten
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0067-0

Nullkommanull, um genau zu sein. (Seite 7)

Eine ältere Frau, die sich von ihrer mickrigen Rente keine Wohnung leisten kann, kauft sich stattdessen eine BahnCard 100 und steigt um – vom herkömmlichen Leben in der Zivilisation in die permanente Bewegung der ICEs. Die Frau lebt in den Zügen, fährt immer der Nase nach quer durch die Republik, liest Bücher aus den öffentlichen Regalen, sinniert, lernt Mitreisende kennen und erlebt gutes und schlechtes. Finanziert wird das Ganze durch Flaschensammeln, gewaschen wird sich auf der Bordtoilette und wenn der Zug mal Verspätung hat, gibt’s Gutscheine fürs Bordbistro.Weiterlesen »

Nell Zink | VIRGINIA

USA 2015 | 318 Seiten
OT: »Mislaid«
Aus dem Englischen von Michael Kellner
Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-498-07672-6

Das Stillwater College befand sich an der Fall Line südlich von Petersburg. (Seite 9)

Oft gibt es Bücher, die großartig beginnen und dann zum Ende hin immer lahmer werden, ihren drive verlieren. Manchmal gibt es auch Bücher, bei denen das genau andersherum ist, die zu Anfang nicht so recht in die Gänge kommen und sich dann immer mehr steigern. VIRGINIA, der zweite Roman von Wahl-Brandenburgerin Nell Zink (*1964 in Kalifornien) gehört allerdings zu einer dritten, sehr viel selteneren Gruppe: Lahmer Anfang, starker Mittelteil, schwaches Ende.Weiterlesen »

Gerasimos Bekas | ALLE GUTEN WAREN TOT

D 2018 | 256 Seiten
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00684-6

Pentelischer Marmor macht ästhetisch einiges her, eignet sich jedoch nur bedingt als Fußbodenbelag. (Seite 5)

Aris lebt im beschaulichen Würzburg und arbeitet dort als Altenpfleger in einem Spital. Von Frau Xenaki – einer Griechin, die er betreut – bekommt er den Auftrag, in deren alte Heimat zu fliegen, einen Koffer mit einer Erbschaft zu finden und diesen ihrer Enkelin Aphrodite zu übergeben. Weiterlesen »