Helene Bockhorst | DIE BESTE DEPRESSION DER WELT

D 2020 | 320 Seiten
Ullstein
ISBN: 978-3-550-20076-2

Ich lasse meine Gliedmaßen herabsinken, löse jede Anspannung, atme tief ein, in den Bauch, wie ich es gelernt habe, und denke daran, dass ich mir gern in den Kopf schießen würde.

(Seite 5)

Eines der Top-Themen der jüngeren Literaturgeschichte ist zweifelsohne die Depression. Thomas Melle, Kathrin Weßling, Bov Bjerg, Jasmin Schreiber – die Liste wird mit jedem Monat länger. Auf unterschiedlichste Weise wird über die Krankheit geschrieben: melancholisch, zynisch, als Tagebuch oder als Ratgeber. Aber darf man über Depressionen eigentlich auch Witze machen?


Vera ist Anfang dreißig und hat bereits mehrere Selbstmordversuche hinter sich. Als sie einen viral äußerst erfolgreichen Text über ihren Zustand im Netz veröffentlicht, wird ein Verlag auf sie aufmerksam, für den sie nun ein Buch schreiben soll – aber das ist nicht so einfach, wenn man an Depressionen leidet. Es gibt Tage, da schafft sie es nicht mal aus dem Bett, geschweige denn unter die Dusche. Jeder Kontakt zur Außenwelt verzehrt Unmengen an Kraft und jede noch so kleine Hürde im Alltag scheint unüberwindbar. Hinzu kommt der Druck, das Manuskript abzugeben, ein Termin der schon mehrfach verschoben werden musste, weil Vera kaum etwas zu Papier bringt.

Sie versucht es mit Lachyoga, mit Kokain, mit One-Night-Stands, mit einer Reise nach Japan, irgendwann sogar mit einem Besuch bei einer Schamanin, aber nichts kann sie aus ihrer Lethargie befreien. Sie prokrastiniert, verschiebt, findet Ausflüchte – sie leidet. Einzig in der Literatur findet sie Halt – ausgerechnet in den Tagebüchern Sylvia Plaths – und die buddhistisch angehauchte Aquaristiklehre Takashi Amaros gibt ihr für kurze Phasen so etwas wie seelisches Gleichgewicht, doch es hilft nichts: Der Termin rückt näher – sie muss schreiben.


Helene Bockhorst (*1987 in Hamburg), die sich in den vergangenen Jahren mit kürzeren Texten und Stand-Up-Comedy einen Namen machen konnte, hat mit DIE BESTE DEPRESSION DER WELT einen locker zu lesendes Debüt vorgelegt. In dutzenden kurzen Kapiteln führt sie uns durch Veras trübe Welt, wobei sie bei jeder Gelegenheit ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellt … was mich zu meiner Eingangsfrage zurückbringt: Darf die das? Natürlich darf die das! Bockhorst leidet selbst unter Depressionen und weiß genau, wovon sie schreibt. Außerdem macht sie sich nicht über Depressive lustig, sondern setzt ihren Humor in Situationskomik und klug beobachteten Charakterbeschreibungen um. Die viel interessantere Frage ist doch: Darf ich – als Nichbetroffener – darüber lachen?

Nun, das Buch ist bei einem großen Verlag veröffentlicht und der Allgemeinheit zugänglich gemacht worden, also gehe ich davon aus, dass auch ich zur Zielgruppe gehöre – aber ein bisschen mulmig war mir dabei doch. So richtig konnte ich mich nicht in den Humor fallenlassen, was nicht an der Qualität der Sätze lag, sondern an der Hauptfigur. Vera ist schwer krank, hatte eine schlimme Kindheit, eine behinderte Schwester, die zeitlebens alle Aufmerksamkeit bekam, und eine Mutter, die sie hasste. Wenn ich beim Lesen all das über Vera weiß, kann ich beim besten Willen nicht mehr lachen … zumindest nicht so frei und lauthals wie bei Joachim Meyerhoff zum Beispiel. Das geht mir alles zu nahe; das macht mich echt betroffen. (Dieses Dilemma – lachen zu dürfen, aber nicht zu können – hatte ich schon öfter. Vor Jahren blieb ich mal nachts beim Durchzappen bei dem Film SECRETARY hängen. Maggie Gyllenhaal spielt eine junge Frau, die eine selbstzerstörerische BDSM-Beziehung zu ihrem dominanten Vorgesetzten führt. Ich war zutiefst erschüttert über dieses Psychodrama und empfand es als unglaublich intensives Film-Erlebnis. Ein paar Monate später erfuhr ich, dass es sich um eine Komödie handelt und war komplett verwirrt. Auch beim zweiten Mal konnte ich nicht lachen.)

Vielleicht liegt es also an mir, dass Bockhorsts Humor nicht so recht zünden wollte. Allerdings kann ich mir auch vorstellen, dass der Text für ein Live-Publikum geschrieben wurde. Die Autorin ist auf den Comedy-Bühnen groß geworden, es ist also ohne Weiteres möglich, dass sie beim Schreiben eine Kleinkunstkneipe vor Augen hatte. Ein paar Szenen – Veras Sexkapaden natürlich – habe ich meiner Frau vorgelesen und siehe da: Wir lachten uns schlapp. Mir scheint irgendwie, dass der Text live & loud besser funktioniert. Lesenswert ist der Roman dennoch und ich bin mir sicher, dass viele Leser:innen aus dem Lachen gar nicht mehr rauskommen werden. Schade wäre nur, wenn man vor lauter Gerofl die Tiefen der Geschichte überläse, denn dort ist mehr zu holen, als im bloßen Humor.


DIE BESTE DEPRESSION DER WELT ist im Ullstein-Verlag erschienen, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild kommt Ihr zur Verlagseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

2 Gedanken zu “Helene Bockhorst | DIE BESTE DEPRESSION DER WELT

  1. Ich weiß nicht, ob mich solche Texte zum Lachen bringen würden. Aber vielleicht wirklich in „Laut“. Das ist mir aber schon bei einigen Büchern so aufgefallen. Laut gelesen, werden sie dann tatsächlich lustig.
    Aber sind Depressionen wirklich lustig?
    Liebe Grüße
    Andrea

    Gefällt 1 Person

    • Das ist genau das Ding. Mir scheint der Text für die Bühne gemacht. Was nicht schlimm ist, da kommt Helene Bockhorst ja her, also klappt das sicher gut. Aber für die Lektüre im stillen Kämmerlein ist es irgendwie nicht zum laut Losbölken. Ich würde mich – nach dem Lockdown – auf eine Live-Lesung freuen.
      Beste Grüße von der Ostsee! Bookster HRO

      Gefällt 1 Person

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