Mithu Sanyal | IDENTITTI

D 2021 | 432 Seiten
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-26921-7

Der Tag, an dem die Hölle ihre Schlünde öffnete und heulende Furien ausspie,
fing an wie ein ganz normaler Tag, wenn ein normaler Tag mit einer Rakete anfängt.

(Seite 11)

BOOKSTER HRO: [winkt kindisch in die Kamera] Hallo und herzlich Willkommen zur ersten Ausgabe meiner kleinen Sendung »Looks like Books«, schön, dass Ihr eingeschaltet habt! Erste Sendung… pfuuuh… bin natürlich etwas aufgeregt [lächelt nervös und kratzt sich am Hinterkopf], aber mal sehen, was mich so erwartet. Bin auch schon sehr gespannt, wie sich dieses Format in der nächsten Zeit so entwickelt und ob es Fortsetzungen geben wird. Ganz kurz etwas zum Ablauf: Ich spreche mit einem Gast über einen aktuellen Roman und hoffe, dass ich im Dialog etwas mehr über die Geschichte erfahren kann. Mehr ist es nicht, eigentlich ganz einfach.
Und der erste Gast, den ich begrüßen darf, hat eine turbulente Zeit hinter sich. Sie war viele Jahre lang Dozentin für [blättert in den Aufzeichnungen] Postcolonial Studies an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, bis zu dem Tag, als ein gut gehütetes Geheimnis über sie gelüftet wurde und diese Enthüllung wie ein Lauffeuer durch die Medien ging. Was genau passiert war und wie sie mit dem anschließenden Shitstorm, der über sie hereinbrach, umging, kann sie uns selbst am besten erzählen. Ich begrüße in meiner Sendung: Saraswati. Schön, dass Sie da sind!

SARASWATI: Vielen Dank für die Einladung!

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Verena Keßler | DIE GESPENSTER VON DEMMIN

D 2020 | 240 Seiten
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26784-8

Die Peene ist ein Fluss von hier.

(Seite 9)

Demmin – eine typische Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, die wie eine Schablone für alle Klischees der nordöstlichen Provinz herhalten könnte. Am Gewässerkreuz dreier Flüsse und in schöner Natur gelegen, fristet das alte Städtchen sein Dasein in gepflegter Langeweile. Die Alten bleiben aus Gewohnheit, die Jungen wollen weg, denn zwischen Netto, Friedhof und Dönerbude ist hier nicht viel zu holen. Auch Larissa – die Ich-Erzählerin, die von allen bitteschön nur Larry genannt werden will –, träumt von einem aufregenderem Leben. Kriegsreporterin möchte sie werden, in ferne Länder reisen und in Krisengebieten in gefährliche Situationen geraten. Für den Fall, dass sie mal in Gefangenschaft kommt und gefoltert wird, trainiert sie schon fleißig und stählt ihren Körper: sie hängt minutenlang kopfüber vom Apfelbaum oder hält so lang wie möglich ihre Hände in die zugefrorene Peene – was man in Demmin halt so machen kann…

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Charlie Kaufman | AMEISIG

USA 2020 | 863 Seiten
OT: »Antkind«
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-26833-3

Es landet mit einem Wumms, aus dem Nichts kommend, von außerhalb der Zeit, außerhalb jeder Ordnung, herausgeschleudert aus der Zukunft oder vielleicht der Vergangenheit, aber es landet hier, an dieser Stelle, in diesem Augenblick, der jeder Augenblick sein könnte, was wohl bedeutet, so nimmst du an, dass es gar kein Augenblick ist.

Seite (9)

Von den rund fünfhundert Spielfilmen, die jedes Jahr in Hollywood produziert werden, kann man getrost zwei Drittel unter der Rubrik Leichte Unterhaltung abheften. Verliebte Teenager überwinden soziale Barrieren, um zueinander zu finden; bunt gekleidete Superhelden kämpfen gegen intergalaktische Bösewichte; computer-animierte Tiere mit menschlichen Emotionen singen von Liebe und Freundschaft … Das ist nicht weiter schlimm, denn was ist Hollywood anderes als eine riesige Unterhaltungsindustrie? Im verbleibenden Drittel jedoch finden sich immer wieder glänzende Perlen mit enormem Kultpotential. Ich bin der Meinung, ob ein Film das Zeug dazu hat, die Zeit zu überdauern und in Jahrzehnten noch gern gesehen zu werden, steht und fällt mit dem Drehbuch. Eine alte Weisheit besagt: Aus einem guten Drehbuch kann man einen schlechten Film machen – andersherum funktioniert das nicht.

Seit der Film BEING JOHN MALKOVICH im Kino lief – Ach, wie gern wäre ich doch mal wieder in einem Kino! –, bin ich ein großer Bewunderer von Drehbuchschreiber Charlie Kaufman. Ich zähle ihn neben Paul Thomas Anderson, Christopher Nolan und den Coen-Brüdern zu den wenigen wirklich kreativen Autoren Hollywoods, inhaliere jeden seiner Filme dutzendfach und lese auch die Original-Drehbücher dazu. (Ich habe sogar ein paar alte Newmarket Shooting Script-Ausgaben im Schrank stehen.) Filme wie VERGISS MEIN NICHT!, ADAPTION oder ANOMALISA gehören meines Erachtens in jede gut sortierte Privat-Videothek, und wer SYNECDOCHE, NEW YORK noch nicht gesehen hat, sollte das schleunigst nachholen.

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Colson Whitehead | APEX

USA 2006 | 191 Seiten
OT: »Apex Hides the Hurt«
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl
Hanser
ISBN: 978-3-446-20870-4

Er lieferte die Namen. (Seite 7)

Vor ein paar Wochen bekam Colson Whitehead zum zweiten Mal den Pulitzer Prize for Fiction, nach seinem Welterfolg UNDERGROUND RAILROAD diesmal für DIE NICKEL BOYS. Diese doppelte Ehrung wurde in der über hundertjährigen Geschichte des renommierten Preises nur sehr wenige Autoren zuteil, unter anderem Größen wie William Faulkner und John Updike. Somit ist Whitehead innerhalb weniger Jahre zu einem der angesehensten Schriftstellern der amerikanischen Literatur geworden. Zeit für mich, mal ein wenig in seinem Frühwerk zu graben. Ein Titel, der schon seit langem in meinem Bücherregal schmort und auf Erlösung wartet, ist APEX, Whiteheads dritter Roman von 2006…

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Lauren Groff | FLORIDA

USA 2018 | 287 Seiten
OT: »Florida«
Aus dem Englischen von Stefanie Jakobs
Hanser Berlin
ISBN: 978-3-446-26410-6

Irgendwie ist aus mir eine Frau geworden, die herumschreit, und weil ich keine Frau sein will, die herumschreit, deren Kinder mit starren und wachsamen Mienen durchs Haus schleichen, habe ich mir angewöhnt, nach dem Abendessen die Laufschuhe anzuziehen, raus auf die dämmrigen Straßen zu gehen und das Ausziehen, Waschen, Vorlesen, Vorsingen und Einmummeln der Jungen meinem Mann zu überlassen, jemandem, der nicht herumschreit. (Seite 9)

Nach drei – auch international – sehr erfolgreichen Romanen beehrt uns Lauren Groff (*1978) diesmal mit einer Sammlung Kurzgeschichten, die es 2018 auf die Shortlist des National Book Awards geschafft hat. FLORIDA erzählt in elf Stories von starken Menschen – die meisten davon Frauen –, die an einem Punkt in ihrem Leben stehen, an dem es nicht weiterzugehen scheint, an dem der Lebensentwurf stockt und die fragile Sicherheit, in der sie sich wähnten, infrage gestellt werden muss.Weiterlesen »

Karen Köhler | MIROLOI

D 2019 | 464 Seiten
Hanser
ISBN: 978-3-446-26171-6

Eselshure. Schlitzi. Nachgeburt der Hölle. Ich war schon von Anfang so hässlich, dass meine eigene Mutter mich lieber hier abgelegt hat, statt mich zu behalten. (Seite 9)

Es gibt Bücher, bei denen es ratsam ist, mit der Lektüre zu warten, bis der erste Sturm an Besprechungen vorbei ist, die Wogen sich geglättet haben und man sich wieder halbwegs unvoreingenommen dem Text an sich widmen kann – MIROLOI ist ein solches Buch.Weiterlesen »

Tilman Rammstedt | MORGEN MEHR

D 2016 | 230 Seiten
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-25096-3

Ich weiß ja schon alles. Ich weiß, wie alles werden wird und mache mir dennoch Sorgen, weil man mit Sorgen nie verkehrt liegt. (Seite 5)

INHALT: Im Sommer 1972 trudelt ein knappes Dutzend Leute in Paris ein, die durch eine Reihe von Zufällen einem gemeinsamen Showdown entgegensteuern. Dimitri, der gerne der König der Unterwelt wäre; Dr. Rolf, der wahre König der Unterwelt; die drei Hendels, seine Handlanger, die hinter Dimitri her sind; Claudia und Fridtjof, die eigentlich schon auf halbem Weg in die Flitterwochen waren; der zwölfjährige Junge, der sich von allem Notizen macht. Und dann noch eine junge Frau, die für ihre verstorbene Schwester Eva die »Liste der Dinge, die man im Leben getan haben muss« beendet, und ein junger Mann, der sich nicht von der Trennung seiner Freundin erholen kann.Weiterlesen »

Herta Müller | ATEMSCHAUKEL (Re-Read)

D 2009 | 300 Seiten
Carl Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-23391-1

Alles, was ich habe, trage ich bei mir.
Oder: Alles Meinige trage ich mit mir.
Getragen habe ich alles, was ich hatte. Das Meinige war es nicht. (Seite 7)

INHALT: Der 17-Jährige Leopold wird kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus seinem Heimatdorf im rumänischen Banat nach Russland deportiert, um dort in einem Arbeitslager für den Wiederaufbau Zwangsarbeit zu verrichten. Fünf lange Jahre muss er bleiben, bis seine „Kriegsschuld“ abgetragen ist. Die Lagerzeit bringt ihn an seine körperlichen und seelischen Grenzen und droht ihn völlig zu zerstören. Aber er hat Freunde: Männer und Frauen allen Alters, die sein Schicksal teilen, Deportierte aus allen sozialen Schichten. Jeder versucht auf seine Weise, gegen die Jahre anzukämpfen, die harte Arbeit, die Eintönigkeit, den Hunger durchzustehen. Viele zermürbt es, viele schaffen es nicht, aber es gibt auch Hoffnung.Weiterlesen »

Michael Köhlmeier | ABENDLAND

 

D 2007 | 780 Seiten
Hanser Verlag

ISBN: 978-3-446-20913-8

»Heute vor einem Jahr, am 18. April 2001, starb Carl Jakob Candoris. Er wurde fünfundneunzig Jahre alt.« (Seite 13)

INHALT: Am Ende seines langen, bewegten Lebens bittet der Mathematikprofessor Carl Jakob Candoris den Schriftsteller Sebastian Lukasser, seine Lebensbeichte niederzuschreiben. Die Geschichten der beiden sind eng miteinander verwebt, war Carl es doch, der Sebastians Vater, den legendären Jazzgitarristen Georg Lukasser, im Wien der Nachkriegszeit entdeckt, gefördert und zu Ruhm und Ehre gebracht, und sich nach dessen Suizid um den verwaisten Sebastian gekümmert hatte.

Carl lädt Sebastian zu sich nach Lans bei Innsbruck ein, wo er von seiner Haushälterin gepflegt wird. Die beiden verbringen einige Tage mit Notizblock und Diktiergerät und es entsteht ein umfassendes Panorama des 20. Jahrhunderts. Carl kann auf ein Leben voller Erfolge und Abenteuer zurückblicken, berichtet von Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Edith Stein, Robert Oppenheimer und Emmy Noether, von seinem Auslandsstudium in Moskau vor, und seiner Arbeit in Amerika während des Zweiten Weltkrieges. Sein Beruf bringt ihn auch ins zerbombte Japan und seine Familiengeschichte treibt ihre Wurzeln bis in die deutschen Afrika-Kolonien.

Sebastian ist bei Weitem nicht in Carls Alter, mit Anfang fünfzig aber auch nicht mehr der Jüngste. Er laboriert gerade an den Nachwirkungen einer Prostataoperation, hat nach zwanzig Jahren zum ersten Mal seinen Sohn wiedergesehen und kann, was Lebenserfahrung angeht, auch selbst aus dem Vollen schöpfen. Seine Geschichte ist die eines Suchenden und Scheiternden. Sie beginnt in den 1950er Jahren und umfasst Aufenthalte in Europa, Süd- und Nordamerika und mehrere intensive Beziehungen.

Da die Biographie Carls nicht ohne die eigene funktioniert und umgekehrt, lässt Sebastian ein Doppelporträt entstehen, das beide Hälften des 20. Jahrhunderts abdeckt.Weiterlesen »