Kiran Desai | ERBIN DES VERLORENEN LANDES

IND/USA 2006 | 430 Seiten
OT: »The Inheritance of Loss«
Berlin Verlag
ISBN: 978-3-8270-0683-7

Der ganze Tag hatte in den Farben der Abenddämmerung geleuchtet, nun zog der Nebel wie ein Meerestier über die weiten Hänge der Berge, von ozeanischen Schatten und Abgründen beherrscht. Kurz stieß die aus Eis gehauene Spitze des fernen Kangchenjunga durch den dampfenden Dunst und die Winde um seinen Gipfel bliesen ein Schneewölkchen in den Himmel. (Seite 9)

INHALT: Indien, Mitte der 1980er Jahre. Hoch in den bengalischen Bergen, am Fuße des Himalaya, eingeklemmt zwischen Nepal und Bhutan, liegt die kleine Stadt Kalimpong. Dort lebt in einem alten schottischen Anwesen aus Kolonialzeiten der pensionierte Richter Jemubhai Patel mit seinem Koch, seiner Enkelin Sai und der Hündin Mutt, die er abgöttisch liebt und verehrt. Zu mehr Liebe ist Patel nicht fähig; er ist ein harter, rauher Mensch, zynisch und voller Hass auf alles Indische – und das, obwohl er selbst aus einfachen Verhältnissen stammt. Er hatte das Glück (und aus der Mitgift durch die Hochzeit mit der vierzehnjährigen Nimi auch das Geld) in England studieren zu können, wo er sich so stark anpasste, dass er seine Herkunft für den Rest seines Lebens völlig verdrängte. Er wurde zum Snob und konnte nach seiner Rückkehr mit der Heimat nichts mehr anfangen. Seine Ehe scheiterte, er verleumdete seine Familie und igelte sich ein.

Biju, der Sohn des Kochs, versucht sein Glück in New York City, wo er sich als Küchenhilfe und Kellner verdingt. Doch das Leben in den USA ist nicht (wie angenommen) ein leichteres. Er buckelt in miesen Jobs für jeden Dollar, muss sich immer wieder aufs Neue dem alltäglichen Rassismus stellen und dabei ständig auf der Hut vor der Einwanderungsbehörde sein, denn er ist illegal eingereist. Trotzdem berichtet er in seinem Briefen an den Vater von paradiesischen Zuständen und großen beruflichen Erfolgen. Wie lange er diese Fassade noch aufrecht halten kann, ist ungewiss. Irgendwann wird er sich seine Niederlage eingestehen und geschlagen heimkehren müssen.Weiterlesen »