Wlada Kolosowa | DER HAUSMANN

D 2022 | 320 Seiten
Leykam Verlag
ISBN: 978-3-7011-8253-4

In der ersten Nacht starb draußen ein Tier.

(Seite 04)

Ganz besonders gern lese ich Bücher, die im Erzählen neue oder andere Wege gehen, bei denen die Geschichte nicht nur in einfacher Prosa daherkommt, sondern auch formal Grenzen auslotet. DER HAUSMANN von Wlada Kolosowa gehört auf jeden Fall in diese Kategorie, ein Buch, das mich gleich auf den ersten Blick in seinen Bann ziehen konnte.

Kolosowa erzählt von einem jungen Paar, das in ein Mietshaus in einem Berliner Randbezirk einzieht. Tim arbeitet seit einiger Zeit an seiner Graphic Novel und schmeißt den Haushalt; Thea arbeitet in einem hippen Startup für veganes Hundefutter. Da Tim den Großteil des Tages zuhause verbringt – während Thea eigentlich nur noch zum Schlafen heimkehrt –, lernt er auch einige andere Bewohner des Hauses kennen. Da wäre Maxim zum Beispiel, ein junger Ukrainer, der aus den umkämpften Ostgebieten geflohen ist (das Buch spielt 2018) und bei Tim sein Deutsch aufbessert. Oder Dagmar, eine rüstige Achtzigjährige, die das Internet für sich entdeckt und dank Tim voll in die Bloggerszene abtaucht.


Klingt erstmal nach einem unscheinbaren Großstadtroman, doch nur ein Mal schnell durchs Buch geblättert, offenbart sich der große Clou: DER HAUSMANN wird in verschiedensten Stilen dargeboten. Nicht nur wird die Perspektive ständig geändert, auch die Form wechselt in jedem Kapitel. Tims Gedanken erfahren wir aus einer Art Tagebuch, für Einblicke in Theas heikle Arbeitswelt wird uns der Chatverlauf mit ihrer Vorgesetzten offenbart. Wir lesen Maxims Übungsheft, das er als Hausaufgabe führen muss, und die Blogeinträge der guten Dagmar, die neben wertvollen Spartipps bei Altersarmut auch ihre Gedanken zur Nachbarschaft niederschreibt. Als Bonus gibt es sogar Tims gerade entstehende Graphic Novel zu lesen.

Die große Gefahr bei solch formalen Spielereien ist ja immer, dass, wenn die Geschichte dahinter nicht gehaltvoll genug ist, es eben genau das ist: Eine Spielerei. Doch auch hier macht Kolosowa alles richtig. Der Plot schneidet viele wichtige Themen an: die Ukraine, die schöne neue Arbeitswelt, das Problem der urbanen Gentrifizierung, Beziehungschaos – alles sehr relevant. Außerdem wartet die Story mit einem unterhaltsamen Kriminalfall auf – ein bisschen Crime muss sein – und die unterschiedlichen Stile entwickeln sich mit dem Fortlauf der Geschichte – Maxims Deutsch wird zum Beispiel immer besser.

DER HAUSMANN ist ein rundum geglücktes Experiment; ein Buch, das für jeden Leser:innentyp etwas zu bieten hat. Eine große Empfehlung meinerseits!


DER HAUSMANN erschien im Wiener Leykam Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autorin, sowie eine Leseprobe findet. Die Illustrationen stammen von Raúl Soria.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

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