Paavo Matsin | GOGOLS DISKO

EST 2015 | 176 Seiten
OT: »Gogoli Disko«
Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann
Homunculus Verlag
ISBN: 978-3-946120-31-5

Der Taschendieb Konstantin Opiatowitsch pflegte jeden Tag bestimmte Gewohnheiten, die er sich mit den Jahren in diversen Haftanstalten angeeignet hatte.

(Seite 9)

In einer gar nicht so weit entfernten Zukunft sind die baltischen Staaten vom neuen Zarenreich Russland annektiert und deren Einwohner deportiert worden. In der kleinen estnischen Stadt Viljandi, weit genug entfernt vom großen, bösen Moskau, treffen sich seither allerlei Gestalten, die dem Zaren die kalte Schulter zeigen wollen und den westlichen Ideologien frönen. Sie lesen heimlich baltische Literatur, üben sich im freien Denken und hören die Beatles. Doch ihr scheinbar unbeschwertes Leben bekommt eine gänzlich neue Richtung, als der russische Schriftsteller Nikolai Gogol von den Toten aufersteht und in einer Duftwolke aus Verwesung in die Versammlung platzt.

Ein Plan der Künstler, diese glückliche Fügung des Schicksals zu ihren Gunsten auszunutzen, ist schnell gefasst: Gogol, der sich mumiengleich kaum auf den verfaulten Beinen halten kann, wird auf der Toilette der heruntergekommenen Kaschemme, wo sich stets getroffen wird, eingesperrt und in tagelangem Schichtdienst bewacht, bis ihnen hoffentlich bald einfallen wird, was sie mit ihm machen können. Doch die Herren sind dermaßen mit sich selbst und ihrer Lage im Zarenreich beschäftigt, dass sie gar nicht mitbekommen, dass Gogol schon am ersten Tag stiften geht und die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf sich zieht.


Was Paavo Matsin (*1970) hier auf gut 170 Seiten zwischen die Buchdeckel schreibt, ist wirklich ein Feuerwerk an absurden Einfällen und anarchischer Satire. Einen Roman über ein von Russland annektiertes Estland zu schreiben, in einer Zeit, in der die Beziehungen zwischen Ost und West so fragil sind wie seit dreißig Jahren nicht mehr, kann man nur als mutig bezeichnen — das ist geradezu waghalsig. Diesbezüglich verdient Matsin meinen allerhöchsten Respekt.

Auch schriftstellerisch kann sich der Text sehen lassen. Matsin erwischt — ebenso wie der Übersetzer Maximilian Murmann — mit seinen Sätzen genau diesen altertümlich wirkenden Stil alter russischer Klassiker wie Bulgakow oder eben Gogol, die sich zu ihrer jeweiligen Zeit ähnlich satirisch mit der Gesellschaft auseinandersetzten. Natürlich liest sich das nicht so nebenbei weg; ich brauchte offen gestanden zwei Anläufe, um mich durch das schmale Buch zu arbeiten, und erst beim zweiten Mal fielen mir die vielen Feinheiten auf, mit denen Matsin seine Geschichte anreichert. Von der ersten Begegnung mit dem Auferstandenen bis zum fulminanten Ende, das sich wie eine Variante des neuen Testaments liest, ist alles dabei: Man kann lachen, staunen, vor allem aber unentwegt mit dem Kopf schütteln.

Was mir aber wirklich unangenehm auffiel, war der unverholene Sexismus, der sich durch den ganzen Roman zieht. Die Frauen in GOGOLS DISKO sind — mit wenigen Ausnahmen — entweder gottgleiche Wesen, die den Männern den Verstand rauben oder zeternde Waschweiber, die beim Putzen und Kochen vom großen Geld träumen. Als altem, weißem cis-Mann könnte ich jetzt meinem Ruf entsprechen und dieses Manko einfach überlesen oder zumindest unerwähnt lassen, was mich diesbezüglich aber wundert, ist, dass das in der bisherigen Rezeption des Romans noch überhaupt nicht angesprochen wurde. Ich meine, Sätze wie »Ein echter Georgier nähert sich Abend und Frau stets mit einer Redewendung.« (Seite 100) oder die den sprichwörtlichen Vogel abschießende Aussage »Wodka und Frauen werden […] schlecht, wenn sie herumstehen. Sie werden schal und faltig.« Ich meine, fällt das niemandem auf? Ich habe sogar eine Rezension von einer Bookstagramerin gelesen, die so woke ist, dass sie in ihren Besprechungen aus feministischen Gründen das Generalpronomen man durch das Unsinnswort mensch ersetzt — und selbst diese Frau feiert den Roman ohne Einschränkungen. I don’t get it. Es ist nicht so, dass Frauen in dem Roman schlecht wegkommen, im Gegenteil, sie sind für das Finale in positivem Sinne sogar unverzichtbar, aber der latente Sexismus, der den Text durchfließt, hat mich schon stutzig gemacht.

Lirum larum — GOGOLS DISKO ist in vielerlei Hinsicht ein ungewöhnliches Leseereignis, das jede Menge Spaß macht und auf jeden Fall in Erinnerung bleibt. Matsins Status eines Kultautors ist völlig berechtigt.


GOGOLS DISKO erschien in der Übersetzung von Maximilian Murmann im Homunculus Verlag, dem ich herzlichst für das Rezensionsexemplar danke. Mit einem Klick aufs Coverbild gelangt Ihr zur Verlagsseite, wo Ihr Informationen über Buch und Autor, sowie eine Leseprobe findet.

Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken

2 Gedanken zu “Paavo Matsin | GOGOLS DISKO

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