LBM19-Tagebuch | Anreise

Rostock ZOB, 20. März, 9:20 Uhr, ich quetsche mich durch den Flixbus nach Leipzig über Berlin. Mein Lieblingsplatz am Fenster hinter der hinteren Tür (wegen der Beinfreiheit) ist besetzt, der daneben ist aber frei und die Frau (die ihn mir weggeschnappt hat) hat nichts dagegen, dass ich mich neben sie setze. Kurze Zeit später kommt eine andere Frau und scheucht die Platzdiebin fort: Den Platz habe sie reserviert. Wusste weder, dass das geht, noch dass der Platz so beliebt ist. Meine neue Sitznachbarin entleert ihr Handgepäck auf dem Tischchen vor uns: Kupferfarbenes Smartphone, weiße In-Ear-Kopfhörer, Wasser und drei Stullenpakete. Guten Hunger!

Die Fahrt geht los. Meine Reiselektüre ist Sarah Kuttners neuer Roman KURT. Ich habe sie gestern bei Gottschalks neuer Literatursendung gesehen, sympathisch wie immer, aber ich befürchte, das Buch ist nichts für mich … na, mal sehen. Kurz hinter Wittstock bimmelt das Kupfer-Phone und die junge Frau meldet sich ohne Begrüßung mit: »Aber nicht so lang. Ich hasse es,  im Bus zu telefonieren.« Beim Dreieck Havelland ist sie dann endlich fertig mit dem Gequatsche. Aus Höflichkeit höre ich natürlich nicht hin und vergrabe mich in die Geschichte um Lena und den großen und den kleinen Kurt, aber dass die Mutter meiner Sitznachbarin das Auto einfach so verkauft hat, ohne die Kinder zu fragen, ist schon allerhand!

Zwischenstopp in Berlin. Meine Nachbarin verlässt den Bus, wie viele andere auch. Dafür steigt ein Dutzend Elfen und Feen ein, mit schwarzen und weißen Haaren, Katzenohren in der Frisur, perfekt geschminkt und mit glitzernden Kleidern, die aus ihren IKEA-Tüten ragen. Ich rette mich auf den Fensterplatz und die Feen belagern die frei gewordenen Sitze um mich herum. Die Comic-Con! Stimmt, da war ja noch was! Ich erinnere mich an die letzte Leipziger Buchmesse, die in einem Schneechaos gipfelte, in dem hunderte Zauberer, Feen und Wichte mit ihren Pappschwertern und Plastikgewändern eingeschneit und zitternd an den Haltestellen auf die Straßenbahnen warteten. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Eine Fee nimmt neben mir Platz und entleert ihr Handgepäck auf dem Tischchen vor uns: Kupferfarbenes Smartphone, weiße In-Ear-Kopfhörer, Wasser und drei Stullenpakete. So viel zum Thema Individualität. Die Kopfhörer verschwinden sofort in den Haaren und es plärrt hektischer K-Pop aus der Frise. Naja, sind ja nur zwei Stunden, das halte ich schon aus. Ich verkrümel mich wieder in KURT (der kleine Kurt ist gerade gestorben … das ist kein Spoiler, das steht sogar im Klappentext; hab mich schon gefragt, wann das endlich passiert.)

Pinkelpause auf dem Rastplatz Fläming. Ich kaufe mir völlig überteuertes Wasser und bereite mich mental auf die nächsten K-Pop-Attacken vor. Zurück im Bus setzt sich eine ältere, beleibte Frau mit roten Haaren und gelben Zähnen zwischen die Feen und zwängt ihnen im breitesten Berlinerisch ein Gespräch auf, wo es denn hingehen soll und so. Die Feen antworten brav aber kurz (Comic-Con, logisch!), dann legt die Frau los. Sie erzählt von ihrem Verlag und ihrem Erfolg und ihrem Reichtum und ihren Reisen, geschäftlich und privat. Es ist offensichtlich, dass sie diese Storys schon hundertmal erzählt hat, die Feen sind aber sichtlich beeindruckt. Allerdings nur die ersten zehn Minuten, dann wirken sie genervt. Die Frau redet bis Abfahrt Halle, dann muss sie aufs Klo. Die Feen setzen schnell und dankbar ihre Kopfhörer auf und verschwinden im K-Pop-Wonderland und ihren Smartphones. Als die Verlegerin zurückkommt und sieht, dass alle beschäftigt sind, deckt sie sich mit ihrer Jacke zu, schläft schlagartig ein und schnarcht laut bis Leipzig durch – selbst wenn sie mit niemandem redet, ist sie für alle hörbar.

Leipzig Hauptbahnhof. Interviewtermin im Starbucks mit L., der für seine Masterarbeit mit Literaturbloggern spricht und die gesammelten Informationen auswertet. Nettes Gespräch, sympathischer Mensch. Danach südlich Richtung Connewitz, wo mein Airbnb-Zimmer auf mich wartet. Mein Host (Sagt man das so?) R. empfängt mich freundlich und mit nützlichen Hinweisen (»Nimm die S-Bahn zur Messe, nicht die Tram.«) Kurz aufgewärmt und wieder zurück in die Stadt zum Leseabend in der Moritzbastei. Zwölf Euro Eintritt? Pfff… Na gut, da habt Ihr! Erstmal was essen: Spinatlasagne und alkfreies Weizen (es ist Fastenzeit), da geht der nächste Zehner über die Wupper. Wenn das so weiter geht, bin ich morgen blank.

Von den Lesungen bekomme ich nur wenige mit. Marion Brasch stellt ihr neues Buch vor. Toni und Alex und die andere Frau und der schöne Ringo und Ehebruch und Tod … ich weiß nich. Aber sie liest gut und wirkt sympathisch. Danach Alexandra Friedmann: STERBEN FÜR ANFÄNGER. Anstrengend zuzuhören. Reinhard Kaiser-Mühlecker (den ich dank Frau Brasch leider verpasst habe) sitzt daneben und sieht so aus, als schlafe er gleich ein. Dann endlich Clemens Meyer, einer meiner Lieblinge. Der Saal ist zum Bersten voll und Meyer gibt Auszüge aus seinem im Entstehen begriffenen Romanprojekt zum Besten. Grandios! Er meint, es könne noch gut zwei Jahre dauern, bis aus dem Projekt ein Roman würde, der veröffentlicht werden könne – ich freu mich jetzt schon drauf.

Danach ist für mich Schluss. Nach Meyer kann es eh nicht besser werden. Ich fahre zurück nach Connewitz, ab in die Heia. Wie sagte Tillmann Rammstedt einst so schön: Morgen mehr

Anreise | Messedonnerstag | Messefreitag | Rückfahrt

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