Josephine Rowe | EIN LIEBENDES, TREUES TIER

AUS 2016 | 207 Seiten
OT: »A Loving, Faithful Animal«
Aus dem Englischen von Barbara Schaden
Liebeskind
ISBN: 978-3-95438-098-5

Es war der Sommer, in dem ein Pottwal krank in die Bucht trieb und tot am Strand von Mount Martha angeschwemmt wurde. (seite 7)

Die Burroughs – Jack und Evelyn, ihre Töchter Lani und Ruby und die Hündin Belle – leben in einer kleinen Stadt in Australien. Es ist das Jahr 1990, als die Hündin eines Tages von einem wilden Tier, das unerkannt im hohen Gras lauert, in Stücke gerissen wird, sodass später nur noch Fetzen zu finden sind. Kurz darauf verlässt Jack für immer die Familie. Doch die Lücke, die er in die Familie reißt, ist nicht der Anfang vom Ende, denn es begann alles schon viel früher zu zerbrechen, in Vietnam.

Josephine Rowe (*1984) verbindet in ihrem vielbeachteten Debütroman das Schicksal der Hündin Belle als Ausgangspunkt mit dem des Veteranen Jack, der seit der Rückkehr aus dem Krieg vor siebzehn Jahren an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, seither von Geistern geplagt wird und seine Wut und seinen Schmerz regelmäßig an der Familie auslässt. Rowe erzählt die traurige Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln: in jedem Kapitel kommt ein anderes Familienmitglied an die Reihe, aus dessen Sicht wir nach und nach das ganze Ausmaß der Tyrannei des Vaters erkennen, aber auch der Last, die er über all die Jahre trägt.

Die verschiedenen Stimmen – und das ist die große Kunst der Autorin – geben die jeweiligen Charakterzüge ihrer Figuren wieder. Während sich die unzähmbare Lani in wilden Drogenpartys verliert, wo sie mit den teuren Medikamenten ihres Vaters dealt, schreibt die unscheinbare Ruby in poetischen Sätzen ihre Sehnsüchte nieder. Und während Mutter Evelyn ihrer vielversprechenden aber längst vergangenen Jugend hinterherheult, sind die Gedanken Jacks wirr und sprunghaft, assoziativ von einer Erinnerung zur nächsten, stakkatoartig wie Gewehrfeuer.

Josephine Rowes Roman hat viele wunderbare Stellen – besonders zwischen den Schwestern gibt es sehr intensive Szenen – und wartet mit tief gezeichneten Figuren und einem gutem Gespür für die Abgründe des Familienlebens auf, dennoch konnte er mich nicht vollends überzeugen. Irgendetwas an diesem Schreibstil störte meine Konzentration, sodass ich in Gedanken immer wieder vom Text abwich und viele Absätze doppelt und dreifach lesen musste – ich war einfach nicht gefesselt. Ohne Zweifel ist Rowe eine talentierte Schriftstellerin, die ihrem Anliegen kunstvoll eine Stimme geben kann, doch leider hat sie mich mit diesem Buch nicht auf die Reise mitgenommen.


978-3-95438-098-5EIN LIEBENDES, TREUES TIER erschien bei der Verlagsbuchhandlung Liebeskind, der ich sehr für das Rezensionsexemplar danke. Alle weiteren Informationen findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

 

2 Gedanken zu “Josephine Rowe | EIN LIEBENDES, TREUES TIER

    • Na, dann bin ich ja doch nicht der Einzige, bis jetzt lese ich nämlich nur Lobeshymnen. Ist ja sicher auch kein schlechtes Buch, aber manchmal findet man halt keinen rechten Zugang.
      Danke für das Feedback und beste Grüße von der stürmischen Ostsee!

      Gefällt mir

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