Juan S. Guse | MIAMI PUNK

D 2019 | 637 Seiten
S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397393-8

Erleuchtet sind die Straßenzüge der einsamen Stadt, gewaltsam errichtet auf tropischem Sumpf. (Seite 7)

Seit ich auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober das erste Mal von MIAMI PUNK hörte, bin ich gespannt auf dieses Buch, das mir in der Ankündigung mit seiner abstrusen Story sofort zusagte. Seit heute steht der zweite Roman von Juan S. Guse (*1989) endlich in den Buchläden. Ich durfte es vorab schon lesen und kann sagen: Ich wurde nicht enttäuscht. Dass mich ein Buch dermaßen verblüffen, in Atem halten und überzeugen kann, ist – obwohl meine Urteile, wie Ihr wisst, oft positiv ausfallen – wahrlich selten. Aber zur Bewertung komme ich später, erstmal: Worum geht’s…

MIAMI PUNK inhaltlich auf ein paar Sätze runterzubrechen, ist nicht einfach, dafür gibt es zu viele Erzählstränge und die Anzahl der handelnden Figuren ist kaum zu überblicken. Zunächst also das Offensichtlichste: Der Ozean ist weg. Und zwar der Atlantische, von der Küste Miamis an bis hin zu den Bahamas. Vor Jahrzehnten ist er über Nacht einfach verschwunden und seitdem erstreckt sich über viele Meilen eine tiefliegende Wüste vor dem Festland Floridas. In der Folge wurde aus der einstigen Magic City rasch eine Geisterstadt, in der nur noch wenige wohnen blieben, die meisten von ihnen im Rowdy Yates Komplex, einem riesigen siebentürmigen Ungetüm aus Stahl und Beton mit tausenden von Wohneinheiten, einer Stadt in der Stadt, die wegen ihres Gewichts und des gesunkenen Grundwasserspiegels mehrere Stockwerke tief in den Boden gesackt ist.

Mehrere Institutionen in Miami haben sich der Aufklärung des Phänomens und dessen Folgen verschrieben. Darunter die staatliche Behörde 55, die seit Jahren versucht, die ungeklärten Fragen der Miamianer zu beantworten, aber außer tonnenweise Aufsätzen, Dossiers und anderem Papierkram nichts zustande bringt. Auf eher esoterischen Pfaden wandelt der von Zivilisten geführte Kongress, der in allem einen tieferen Sinn sucht und Pilgerreisen in die weitgehend unerforschten Wüstengebiete veranstaltet, in denen über die Jahre eigene Völkerstämme sesshaft geworden sind. Desweiteren gibt es einige wenige Großkonzerne, die es auf die nun leicht erreichbaren Bodenschätze abgesehen haben, und eine Vielzahl an Ringervereinen, die den Kampf mit den Alligatoren aufgenommen haben, die seit dem Rückgang des Ozeans durch Miami schleichen und Angst und Schrecken verbreiten. Festzuhalten ist, dass keine der genannten Gruppen irgendetwas Brauchbares über die aktuelle Lage weiß.

Im ersten Viertel des Buches kristallisieren sich allmählich einige Hauptfiguren heraus, denen Guse in den längeren der knapp neunzig Kapiteln abwechselnd folgt. Robin zum Beispiel, einer jungen Programmiererin von Strategiespielen, die versucht, mit ihrem neuesten Spiel Das Elend der Welt einen Coup zu landen. Oder Lint, Robins Cousin, der sich immer tiefer in die Kreise des Kongresses begibt, bis hin zu der radikalen Splittergruppe, die dem Roman seinen Namen gibt. Oder Daria, die in der Behörde 55 mit sinnleeren Aufgaben beauftragt ist – zum Beispiel dem Katalogisieren aller Objekte, die in den letzten Jahren aus den Fenstern des Rowdy Yates Komplexes geschmissen wurden –, sich aber nach und nach hocharbeitet und stärker in die Materie eintaucht, als ihr lieb ist. Und dann ist da noch das Team Medusa, eine E-Sport-Delegation aus Wuppertal, die in Miami am letzten offiziellen Counter-Strike-1.6-Turnier teilnimmt. Jeder Figur stellt Guse eine Handvoll Freunde, Bekannte und Familienmitglieder zur Seite, so dass das Personal in seiner Gesamtheit einen großen bunten Zirkus voller schräger Vögel ergibt – inklusive Haushaltsrobotern und beinlosen Katzen –, die alle irgendwie miteinander auf das fulminante Ende zutanzen.


Dass man bei diesem unaufhörlichen Fluss an Input auf über sechshundert Seiten nicht ein einziges Mal denkt: »Himmel, hört das auch mal wieder auf? Ich brauche ’ne Pause!«, liegt ganz klar an Guses Schreibstil, der mich sehr an David Foster Wallace und Thomas Pynchon erinnert hat. Das sind große Namen, ich weiß, aber diesen Vergleich braucht Guse nicht zu scheuen. Die scheinbare Leichtfüßigkeit, mit der der Autor durch seine komplexe Parallelwelt spaziert, das heillos übertriebene Setting, die skurrilen Figuren, die lebensechten Dialoge, gespickt mit einem entwaffnenden Humor und einer Unzahl an Querverweisen zu Film, Musik und Literatur – das alles erinnert stark an die genannten Vorbilder; ein Versuch, der schon oft gescheitert ist, hier aber vollends glückt. Auch stilistisch sitzt Guse fest im Sattel und experimentiert in den Zwischenkapiteln mit ungewöhnlichen Erzählformen: Schulaufsätze, Werbeplakate, Gesprächsprotokolle, Kongressreden und seitenlange, narrative Internetadressen – all diese Randbemerkungen verdichten und stützen die Story wie der Mörtel die Mauer.

Juan S. Guse ist mit MIAMI PUNK ein großer Wurf gelungen. Ein Roman, dem ich jeden Erfolg gönne, und für den ich mir in einigen Jahren diesen Kultstatus wünsche, den man heutzutage nur noch aus Sagen und Mythen kennt: »Weißt Du noch damals? Als der zweite Guse erschien und alle nur über dieses Buch geredet haben?« – »Der Miami-Roman? Ja, das war krass. Wir haben jahrelang darüber diskutiert, haben Lesekreise gebildet und unser Prof hat Seminare darüber angeboten, mit Wartelisten, total überfüllt. Und ständig ist es zu Ausschreitungen gekommen, weil die einen zur Behörde gehalten haben und die anderen zum Kongress. Einer kam sogar mal ins Krankenhaus, weil er gesagt hat, José Pepperoni-Pizza schmecke bestimmt scheiße.« – »Ja, das waren noch Zeiten! Aber die sind noch nicht vorbei: Letztens kam mein Sohn mit der kommentierten Sonderausgabe zum dreißigsten Jubiläum unterm Arm nach Hause. Hat ihn ’ne ganze Stange Geld gekostet, aber das war es ihm wert. Ich bin so stolz auf ihn!« … ähem … ich schweife ab. Was ich sagen will, ist: Wenn Ihr in diesem Jahr nur ein Buch lesen dürftet, nehmt dieses!

Ach: Und als i-Tüpfelchen, als Cocktailkirsche auf dem Sahnehäubchen, gibt es noch die frohe Kunde, dass der Autor meine Heimatstadt mit einer Lesung beschenkt, und zwar NOCH VOR (!) der offiziellen Premierenfeier in Berlin. Also jetzt an alle Rostocker, die am 6. März um 20°° Uhr noch nichts vorhaben: Kommt ins Literaturhaus in der Doberaner Straße und feiert diesen bemerkenswerten Roman…


u1_978-3-10-397393-8MIAMI PUNK ist beim Fischer Verlag erschienen, dem ich für das Rezensionsexemplar herzlichst danke. Alle weiteren Informationen über Buch und Autor sowie eine Leseprobe findet Ihr auf der Verlagsseite. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

12 Gedanken zu “Juan S. Guse | MIAMI PUNK

  1. Das klingt irgendwie … anstrengend. Ein bisschen wie Tarantino in Buchform, nur mit mutmaßlich geringerem Gewaltgrad. Und an der Lektüre von David Foster Wallace bin ich schon mal veritabel gescheitert. Und dennoch, ja, dennoch bin ich jetzt irgendwie neugierig. 🙂

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    • Schön, dass ich etwas Neugier wecken konnte; genau das war meine Absicht. Auf der Verlagsseite gibt’s eine Leseprobe, da kommt man ganz gut in den Schreibstil rein. Und wenn’s Dich packt: Nichts wie ran an den Schinken…

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      • Genau das meine ich mit der Leichtfüßigkeit des Autors. Er nimmt dich an die Hand und führt dich durch sein Buch und du hörst ihm gerne zu, denn er ist eloquent und witzig und alles klingt wunderbar einfach und glatt… Ist es aber nicht, es ist hochkomplex. Sowas muss ein Autor erstmal schaffen.

        dieeinzigenkapitelbeidenenmansichwirklichdurchbeissenmuss-sinddiebesagteninternetadressendieohneleerundsatzzeichen-uebermehrereseitengehenundganzelebensgeschichtenerzaehlen.com

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  2. Ich habe die ersten ca. 100 Seiten gelesen und sehe nur ganz langsam durch. So richtig gepackt hat es mich noch nicht, aber ich hoffe, dass sich der Nebel bald lichtet. Ich tue mich allerdings auch generell etwas schwer mit Themen wie Computerspiele und E-Gamer, aber man wächst schließlich an seinen Aufgaben 🙂 viele Grüße!

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