the FUTURE LIBRARY PROJECT

In Nordmarka, einem stark bewaldeten Landstrich nördlich von Oslo, wachsen jede Menge Bäume. Fichten, Birken, Kiefern – ein grünes Meer, so weit das Auge reicht. Seit Jahrhunderten dominiert hier der Wald das Erscheinungsbild der Natur und man könnte meinen, er tut das als Ganzes, als grüne Einheit für alle Zeit und ohne jedes Ziel. Aber es stehen exakt eintausend Bäume hier, die sich vom Rest des Waldes unterscheiden. Sie haben eine Bestimmung, denn sie bilden die Grundlage des Future Library Projects. Der Clou: Keiner von uns wird das noch erleben.

Die Aufgabe dieser eintausend Bäume, die seit ein paar Jahren in Nordmarka heranwachsen, ist es, das Papier für einhundert Bücher zu liefern, die in streng limitierter Auflage gedruckt werden – allerdings erst im Jahre 2114. Dann werden die Bäume stolze einhundert Jahre alt sein, mächtig in die Höhe ragen und sich kaum vom Rest des Waldes unterscheiden. Eröffnet wurde dieses Generationen überdauernde Projekt im August 2014 von der schottischen Künstlerin Katie Paterson (*1981), die Jahr für Jahr namhafte Autoren und Autorinnen für die Bibliothek der Zukunft gewinnen konnte. Die Berufung zu dieser ehrenvollen Aufgabe erfolgt immer im Oktober, woraufhin der oder die Berufene gut ein halbes Jahr Zeit hat, einen Text zu schreiben, der im folgenden Frühjahr in die Bibliothek aufgenommen wird.


Die erste Schriftstellerin, die einen Text beisteuern durfte, war Margaret Atwood (*1939). Unter dem Applaus von ein paar Dutzend Gästen überreichte sie Paterson ihr Manuskript für SCRIBBLER MOON – einer Geschichte von der es keine Kopien gibt, versiegelt in einer kleinen Kiste, mit einer blauen Schleife umbunden, zwischen all den jungen Bäumen, die in einhundert Jahren das Papier geben, auf das sie gedruckt werden soll. Bis dahin wird die Kiste in einem extra dafür vorgesehenen Raum in der Deichmanske Bibliotek in Oslo verwahrt und erst 2114 geöffnet.

FROM ME FLOWS WHAT YOU CALL TIME, so der Titel der neunzigseitigen Novelle von David Mitchell (*1969), der ein Jahr später nach Norwegen flog, um seinen Beitrag zu leisten. Die große Zigarrenkiste mit dem Manuskript, auf dessen Front der Handabruck Mitchells in dicker weißer Farbe prangt, wurde nach der Zeremonie – der schon doppelt so viele Zuschauer wie im Vorjahr beiwohnten – ebenfalls nach Oslo gebracht und neben die von Atwood gelegt.

Und so wächst die Future Library Jahr für Jahr weiter heran. Der isländische Autor Sjón (*1962) überreichte Paterson seine Geschichte AS MY BROW BRUSHES ON THE TUNICS OF ANGELS or THE DROP TOWER, THE ROLLER COASTER, THE WHIRLING CUPS AND OTHER INSTRUMENTS OF WORSHIP FROM POST-INDUSTRIAL AGE – im krassen Gegensatz zum üppigen Titel – in einem schlichten Pappkarton. Und in zwei Monaten, am 2. Juni 2018, wird die türkische Bestseller-Autorin Elif Şafak (*1971) ihren Text in Nordmarka präsentieren.


Wenn man sich mit diesem einmaligen Kunstprojekt beschäftigt, es auf sich wirken lässt, sich seiner Tragweite bewusst wird, bekommt man unweigerlich wieder diese Ahnung davon, dass alles – wirklich alles – vergänglich ist. Das ist ein Gedanke, dem man sich nur ungern öffnet, dabei müsste er einen tagtäglich begleiten, so klar und naturgemäß ist er. Es ist ein unumstößlicher Fakt, dass ich die Veröffentlichung dieser Geschichten nicht mehr erleben werde, und auch Du, der oder die Du das hier liest, auch Du nicht. Selbst meine Kinder müssten über hundert Jahre alt werden, um in den Genuss der Texte zu gelangen. Katie Paterson wird ihr Projekt nicht beenden können und die beteiligten Autoren und Autorinnen – zumindest die der nächsten dreißig, vierzig Jahre – werden nicht dabei sein, wenn ihre versiegelten Schatullen für das Publikum geöffnet werden. Jeder dieser Berufenen ist der jeweils einzige Mensch auf der Welt, der seine Geschichte kennt, und mit seinem Tod – der unweigerlich kommen wird – gibt es bis zum Jahre 2114 niemanden mehr, der weiß, wovon sie handelt.

Katie Patersons Future Library Project ist nicht nur eine Kunstspielerei, es ist mehr als eine Kapsel mit Krimskrams, die man beim Hausbau unter der Terasse begräbt. Es ist eine Verbeugung vor der Zeit, ein Eingeständnis, dass wir nicht vor ihr fliehen können, und der Versuch eines Beweises, dass wir etwas geben können, von dem wir nicht mehr profitieren werden. Ein wunderbares Projekt, das einem die Augen öffnet.

Wer mehr über die Bibliothek der Zukunft erfahren möchte, dem empfehle ich einen Blick auf die großartig gestaltete Homepage des Projekts. Dort gibt es jede Menge Infos zu allen Beteiligten und viele Bilder und Videos zu den Autoren und Autorinnen und ihren Übergabe-Zeremonien – alles zu den sanften Klängen des Waldes von Nordmarka, diesem besonderen Landstrich nördlich von Oslo.

5 Gedanken zu “the FUTURE LIBRARY PROJECT

  1. Danke für das Teilen dieses gewaltigen Kunstprojekts! Erinnert mich an das Orgelkonzert in Halbstadt oder Halberstadt, das 2001 angefangen hat und in mehr als 600 Jahren zuende sein wird. Es ist ein Musikstück mit dem Namen Organ²/ASLSP des amerikanischen Komponisten John Cage. Als Untertitel und gleichzeitige Tempovorschrift gab der Komponist an: „as slow as possible“ (so langsam wie möglich). Wenn da mal alle zwei Jahre ein Ton in den anderen übergeht, ist es schon ein Fest!

    Gefällt 1 Person

    • Kenn ich – Tolles Projekt. Den letzten Tonwechsel habe ich bei YouTube verfolgt; zum nächsten will ich vor Ort sein. Das wird im Jahr 2020 der Fall. Vielleicht sehen wir uns ja? 😉
      Danke für das Lob und beste Grüße von der Ostsee! Bookster HRO

      Gefällt 1 Person

      • Ich wollte tatsächlich mal einen Tonwechsel miterleben Ein paar Mal habe ich ja vielleicht noch. Leider ging es beim letzten Mal nicht. Nachdem ich mir das auf Youtube angesehen hatte, würde ich lieber hin, wenn keine Meute da ist. Meinst du, der Ton ist sonst auch zu hören, oder lassen sie ihn erklingen wenn die Kirche voll ist und ein Tonwechsel ansteht?

        Gefällt 1 Person

      • Soweit ich weiß, ist diese Orgel zwar ständig am … orgeln(?), aber mit einem dicken Glaskasten abgedeckt, damit es nicht so laut ist. Wenn ich der Nähe bin, fahr da mal hin und guck mir das an.
        Beste Grüße!

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s