Laetitia Colombani | DER ZOPF

F 2017 | 285 Seiten
OT: »La Tresse«
Aus dem Französischen von Claudia Marquardt

S. Fischer Verlag
ISBN: 978-3-10-397351-8

Es ist der Beginn einer Geschichte.
Einer neuen Geschichte, jedes Mal.
In meinen Händen erwacht sie zum Leben. (Seite 11)

Als Colombanis DER ZOPF vor ein paar Monaten angekündigt wurde, war ich sehr gespannt, was mich hier erwarten würde. Der Klappentext klang vielversprechend, die Aufmachung des Buches – türkiser Einband mit goldenen Lettern –, sowie die Covergestaltung waren ansprechend. Und mochte man den Werbetrommeln, die der Veröffentlichung vorausgingen, Gehör schenken, hatte man den Eindruck, alle Welt wäre sich einig: Dieses Buch ist ein einmaliges Wunder.

Ist es nicht.

Worum geht es? Der Zopf dient der Geschichte als Grundgerüst: Drei ineinander geflochtene Haarstränge stehen für drei miteinander verbundene Geschichten auf unterschiedlichen Kontinenten. Da ist zunächst Smita, eine arme indische Frau, die als geborene Dalit außerhalb des Kastensystems steht und somit die niedrigsten Aufgaben erfüllen muss. Sie macht sich mit ihrer Tochter Lalita auf eine beschwerliche Pilgerreise und opfert in einem Tempel dem Gott Vishnu ihre Haare, damit es ihrer Tochter einmal besser hat als sie.

Auf Sizilien steht die junge Giulia vor den Scherben ihres Familienunternehmens. Ihr Vater liegt im Sterben und sie erfährt erst jetzt, dass die Firma – die letzte Perückenfabrik der Insel – in den vergangenen Jahren einen riesigen Berg Schulden angesammelt hat. Wenn sie nicht bald eine Lösung findet, stehen sie und ihre Angestellten vor dem Aus.

Zuletzt begegnen wir Sarah, einer ehrgeizigen Anwältin aus Montreal, für die ihre Karriere an erster Stelle steht. Sie ist taff, boxt sich in der von Männern dominierten Kanzlei erfolgreich durch und gesteht sich und ihrem Umfeld keinerlei Schwächen zu. Doch dann kommt aus heiterem Himmel die Diagnose: Brustkrebs, die ihr alle Kräfte raubt, sie dermaßen lähmt, dass sie ihren Job aufgeben muss. Während der Therapie lässt auch ihr Körper sie im Stich. Auch von ihrem Haar, ihrem ganzen Stolz, muss sie sich trennen. Erst eine Perücke, ein edles Produkt aus dem fernen Sizilien, gibt ihr neuen Lebensmut.


Es ist noch nicht mal die Konstruktion der Geschichte, die mich so stört – ganz im Gegenteil: eigentlich mag ich solche Episodenromane sogar –, auch wenn Colombani große Schwächen im Aufbau zeigt und alles sehr vorhersehbar ist. Allein nach dem Klappentext kann man sich alles zusammenreimen (deswegen habe ich oben auch auf eine Spoilerwarnung verzichtet). Es sind die unzähligen Klischees, die hier bedient werden und mir so übel aufstoßen. Die scheißesammelnde Inderin, die in übervollen Zügen zu irgendwelchen Tempeln fährt; die schöne Italienerin, von allen angehimmelt, die mit einer Vespa die sizilianische Küste entlangdüst; die karrieregeile Anwältin, die sich als Makrele zwischen Haien behauptet – das sind alles Bilder, die man schon so oft vorgesetzt bekommen hat, dass es einem bald zu den Ohren herauskommt.

Hinzu kommt ein unglaublich mieser Schreibstil, der weder mit Küchenpsychologie noch mit den abgedroschensten Phrasen geizt. Ab und zu eine oft gehörte Redewendung zu benutzen ist ja kein Problem – mache ich ja auch gern, merke ich gerade – aber die Häufungen in DER ZOPF wurden immer schlimmer und erreichten ihr höchstes Maß auf Seite 135. Hier eine kleine Zusammenstellung der Phrasendrescharbeit auf nur einer(!) Seite:

…in der Welt da draußen weht ein rauer Wind…
…das Leben kann grausam sein…
…ihre Tochter ist […] zart besaitet…
…keinen reinen Wein einschenken…
…muss sie ihnen Rede und Antwort stehen…
…je später, desto besser…
…aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben…

Wie Gewehrsalven feuert Colombani ihre Kalenderweisheiten auf uns ab und wie die Projektile aus der Mündung bedeuten sie alle dasselbe: Schmerz. Nach dieser quälend langen Seite war ich kurz davor, das Buch in die Ecke zu schmeißen, es war kaum auszuhalten. Zugegebenermaßen wurde es dann aber nicht mehr schlimmer. Ich habe mir den Rest des Buches in Rekordzeit reingeprügelt, was nicht schwer fiel, weil der Satzspiegel mit sechsundzwanzig Zeilen pro Seite recht großzügig gehalten ist – auch noch so eine Mogelpackung, die mir negativ auffiel, aber das soll nicht auch noch Thema sein.

Nee Leute, das war nichts. Selten hat mir ein Roman so viel versprochen und mich so schwer enttäuscht. Wieder mal ein Buch, dem ein riesiger Werberummel vorausging, um einen Hype auszulösen, der die immensen literarischen Schwächen kaschiert. Finger weg!


u1_978-3-10-397351-8.64974733Letteratura wurde übrigens auch nicht so recht warm mit dem Buch. DER ZOPF ist im S. Fischer Verlag erschienen, dem ich natürlich trotzdem für das Rezensionsexemplar danke. Die Übersetzung besorgte Claudia Marquardt. Alle weiteren Informationen findet Ihr hier. Und noch eine kleine Bitte: Kauft Bücher in Euren Buchhandlungen vor Ort. Die Online-Riesen sind schon satt genug und Eure Innenstädte werden es Euch danken.

14 Gedanken zu “Laetitia Colombani | DER ZOPF

  1. Schöne Rezi! Das sage ich natürlich auch deshalb, weil ich es genauso empfunden habe und es ja immer irgendwie schön ist, wenn man auf Gleichgesinnte trifft 😉 Von Deiner Direktheit könnte ich mir noch eine Scheibe abschneiden, glaube ich (oh, das ist auch so eine Phrase fürchte ich :-)), übrigens hat mich das Seitenzahlgemogel auch ziemlich gestört. Ich wünsche Dir noch ein schönes Wochenende mit besserer Lektüre!

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  2. Interessante Rezension. Das Buch wird ja sehr gehyped aber zum Glück habe ich es mir noch nicht gekauft. Wird denn noch ein Bericht zur Leipziger Buchmesse folgen? Ich war dieses Jahr das erste Mal seit 5 Jahren nicht dort und bin neugierig, wie es so gewesen ist…
    Liebe Grüße aus Frankfurt

    Gefällt 1 Person

    • Die Messe war großartig, bis auf das Winterchaos, von dem ich aber weitgehend verschont blieb. Ich konnte viele Blogger kennenlernen und auch mit einigen Autoren sprechen. Am wichtigsten war es mir aber, mich bei den Presseleuten der Verlage für die gute Zusammenarbeit in Sachen Rezensionsexemplare zu bedanken, was auch sehr gern angenommen wurde. Einen Bericht zu schreiben, hatte ich nicht vor; ich bin immer so fotofaul, war eh‘ nur zwei Tage dort (»Reicht ja wohl auch«, sagen meine Füße) und habe mich zum Schluss nur noch treiben lassen und den Trubel auf mich wirken lassen. Vielleicht mache ich ja zur Frankfurter Buchmesse ein paar Randnotizen.
      Beste Grüße von der Ostsee!

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